Kurzzeittherapie: Wer sich diese Frage stellt, kann innerlich wachsen

Psychologe Oskar Holzberg erklärt, welche Chance hinter dem gefürchteten Wort steckt

Eine Klientin, die mich fragt, ob ihr Verhalten eigentlich «normal» sei. Eine Partnerin in einer Liebesbeziehung, die ihren Standpunkt damit vertritt, dass ihre Erwartungen «ja wohl völlig normal» seien. Oder umgekehrt, der Normalitätshammer: Der Partnerin wird vorgeworfen, sie reagiere «nicht normal».

Aus deinem Wortschatz streichen 

Normal ist paradox. Niemand will normal sein. Aber gleichzeitig hat jede und jeder Angst davor, es nicht zu sein. Tatsächlich kommt «normal» immer dann ins Spiel, wenn wir uns selbst oder eine andere Person nicht akzeptieren. Wer die eigene Normalität anzweifelt, spricht den eigenen Gefühlen ihre Berechtigung ab. Wer im Paar, in der Familie oder unter Freunden die Normalitätskarte ausspielt, spricht anderen ihre Gefühle ab. Wenn ich den Stempel «unnormal» abbekomme, habe ich verloren. Meine Bedürfnisse müssen nicht weiter beachtet werden. Dabei ist das Spiel mit «normal» schnell zu beenden. Normal gibt es nicht. Punkt. Aus. Schluss. Streiche «normal» einfach aus deinem Wortschatz! Normal existiert nicht, es ist eine Fiktion.

Kurzzeittherapie: Oskar Holzberg
Diplom-Psychologe Oskar Holzberg arbeitet als niedergelassener Psychotherapeut seit über 30 Jahren mit Paaren und schreibt darüber.
© Christian Kerber

Es lohnt sich aber, etwas genauer darauf zu schauen, wenn sie auftaucht. Denn in unseren ersten Lebensjahren ist die Welt, in die wir hineingeboren werden, nicht irgendeine Welt, sondern die einzige Welt. Erst später entdecken wir, dass es ganz andere Familien mit ganz anderen Regeln, ganz andere Welten gibt. Die Welt, die uns zuerst geprägt hat, ist die, an der wir alle anderen messen. Sie ist unser «normal». Später wird daraus unsere Komfortzone. Unser gewohntes Verhalten. Das Leben, in dem wir uns eingerichtet haben. Das empfinden wir als «normal».

Hinter der Frage stecken oft Ängste 

Wenn wir nach «normal» fragen, dann verrät es unsere Ängste. Ängste vor Fremdem, Ungewohntem, uns Bedrohendem, das uns und unsere selbstverständliche Komfortzone infrage stellt. Und gleichzeitig Angst, dass irgendetwas mit unserer Komfortzone nicht stimmen könnte.

Wir haben die Chance, uns zu fragen, wovor wir Angst haben. Und das ist immer die Chance, innerlich zu wachsen. Bestimmen uns vielleicht noch die Stimmen, die gefragt haben, «was eigentlich nicht mit uns stimmt» oder «wieso wir eigentlich nicht wie die anderen sein können»? Dann sollten wir diesen inneren Anteilen entgegentreten und sie entkräften. Sollten uns fragen, ob wirklich wahr ist, was sie behaupten. Sollten uns selbst darin bestätigen, so zu sein, wie wir nun einmal sind und unsere Selbstzweifel mit anderen, denen wir vertrauen, teilen.

Wir sind alle auf unsere ganz eigene Weise normal. Aber wir müssen unsere eigene Begrenztheit anerkennen, um die «Normalität» der anderen anerkennen zu können. Und zu lernen, gemeinsam damit zu leben, dass es kein «normal» gibt.

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