Last-Minute-Altersvorsorge : Mit diesen fünf Schritten sorgst du auch mit 50+ noch rechtzeitig vor

Die Uhr tickt bis zur Rente und die Vorsorge fürs Alter sieht noch mau aus? Das lässt sich ändern! Wie wir unseren finanziellen Puffer fürs Alter last minute noch aufpimpen können. 

Wir müssen keine Finanzexpert:innen sein, wir müssen nur anfangen! Das macht Thomas Stoll, Wirtschaftsjournalist und Buchautor bei Stiftung Warentest, im BRIGITTE-Interview klar. Er erklärt, in welche Fallen wir für unsere Altersvorsorge nicht tappen sollten. (Anm. d. Red.: Im Interview spricht Thomas Stoll die Leserin mit «Sie» an.)

BRIGITTE: Viele Frauen wissen, dass sie sich um ihre Altersvorsorge kümmern sollten – und schieben es trotzdem auf. Wie geht man das Thema an, ohne von der Komplexität erschlagen zu werden?

Thomas Stoll: Der wichtigste Satz zuerst: Sie müssen keine Finanzexpertin werden. Sie müssen nur anfangen. Der erste Schritt kostet kein Geld und dauert oft nur eine halbe Stunde: Nehmen Sie Ihre Renteninformation zur Hand. Das ist der Brief, den die Rentenversicherung allen ab 27 mit mindestens fünf Jahren Beitragszeit einmal im Jahr schickt. Schauen Sie nach, welche Rente Sie später ungefähr erwartet und welche Ansprüche Sie bereits erworben haben. Danach überlegen Sie grob, was Sie im Alter zum Leben brauchen. Die Lücke dazwischen ist Ihr Thema. Mehr müssen Sie am ersten Tag nicht wissen. Alles andere kommt Schritt für Schritt.

In Ihrem Altersvorsorge-Set beschreiben Sie einen Weg in fünf Schritten. Wie sieht der konkret aus?

Ganz einfach gedacht: 
1. Kassensturz machen und die eigene Rentenlücke ermitteln. 
2. Das Fundament legen: ein finanzielles Polster für Notfälle und die wichtigsten Versicherungen. 
3. Geschenktes Geld mitnehmen, also staatliche und betriebliche Förderungen. 
4. Mit einem einfachen, breit gestreuten Sparplan Vermögen aufbauen. 
5. Einmal im Jahr kurz draufschauen, ob noch alles passt. 

Diese Reihenfolge ist entscheidend. Viele fangen beim Investieren an, bevor das Fundament steht.

Wer sich mit dem Thema beschäftigt, landet schnell in Beratungsgesprächen bei Banken oder Versicherungen. Worauf sollte ich achten und an wen kann ich mich vertrauensvoll wenden?

Wichtig zu wissen: Die meisten Berater bei Banken und Versicherungen leben zumindest teilweise von Provisionen. Sie verdienen also mehr, wenn sie Ihnen ein teures Produkt verkaufen. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen, aber die Interessen der Bank oder Versicherung sind nicht immer deckungsgleich mit denen der Kundinnen. Hellhörig werden sollten Sie, wenn fast nur über Steuervorteile geredet wird, wenn ausschließlich hauseigene Produkte angeboten werden oder wenn plötzlich Eile geboten ist – «nur noch bis Monatsende». Eine neutrale Einschätzung bekommen Sie bei den Verbraucherzentralen, meist für 50 bis 90 Euro pro Stunde. Dort wird Ihnen nichts verkauft.

Wie nutze ich staatliche Förderung am besten – und welche Rolle spielt das Altersvorsorgedepot ab 2027? 

Das naheliegendste Geschenk vergessen viele: den Zuschuss des Arbeitgebers zur Betriebsrente und die vermögenswirksamen Leistungen. Das ist Geld, das vielen Arbeitnehmerinnen zusteht – holen Sie es sich! Die Riester-Rente lohnt sich heute fast nur noch für Familien und Alleinerziehende mit Kindern. Ab 2027 kommt ein neues, gefördertes Altersvorsorgedepot mit deutlich niedrigeren Kosten und mehr Freiheit bei der Geldanlage. Das dürfte für viele attraktiver werden. 

Und taugen Immobilien als Altersvorsorge?

Die eigene abbezahlte Wohnung ist im Alter Gold wert, weil die Nettokaltmiete wegfällt. Aber nur, wenn sie bis zur Rente wirklich abbezahlt ist und nicht Ihr ganzes Vermögen in einem einzigen Objekt steckt. Als alleinige Altersvorsorge ist das oft ein Klumpenrisiko, und eine Immobilie können Sie im Normalfall nicht Stück für Stück zu Geld machen.

Wie viel Geld brauche ich realistisch im Alter – und wie rechne ich das aus?

Als Faustregel gelten rund 80 Prozent Ihres heutigen Nettoeinkommens. Klingt viel, ist aber machbar, weil im Alter einiges wegfällt: etwa Fahrtkosten zur Arbeit und laufende Kredite. Rechnen Sie einfach: Was bekomme ich laut Renteninformation? Und was möchte ich haben? Verdienen Sie heute 2.500 Euro netto, wäre das Ziel also rund 2.000 Euro im Monat. Kommen aus der gesetzlichen Rente nur 1.200, fehlen 800 Euro – das ist Ihre monatliche Lücke, und die füllen Sie mit privater Vorsorge auf. Wieviel Sie sparen müssen, hängt von Ihrem Alter ab. Das wiederholen Sie jedes Jahr und passen Ihre Sparrate an geänderte Verhältnisse an.

Welche Vorsorgeformen sollte ich eher meiden – und warum stehen klassische Rentenversicherungen so oft in der Kritik?

Vorsicht bei allem, was teuer, unflexibel und undurchschaubar ist. Klassische private Renten- und Kapitallebensversicherungen gehören häufig dazu: hohe Verwaltungskosten, mickrige Garantiezinsen, und einen großen Teil Ihrer ersten Sparraten frisst der Vertrieb. Am Ende bleibt oft weniger übrig, als wenn Sie einfach günstig und breit gestreut angelegt hätten, zum Beispiel in Fonds. Meine Faustregel: Wenn Sie nach dem Gespräch nicht in einem Satz erklären können, wofür Sie zahlen und was es kostet, unterschreiben Sie nicht.

Wer spät anfängt, fragt sich: Lohnt es sich überhaupt noch? Wie sieht eine realistische Last-Minute-Vorsorge aus?

Es lohnt sich fast immer. Ja, mit 50 müssen Sie mehr zurücklegen als mit 30 – der Zinseszins hat weniger Zeit zu arbeiten. Aber selbst 100 oder 200 Euro im Monat machen über 15 Jahre einen spürbaren Unterschied. Ein besonderer Hebel für Spätstarterinnen: Ab 50 dürfen Sie freiwillig zusätzliches Geld in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen – und sich damit gezielt eine höhere spätere Rente kaufen oder Abschläge ausgleichen, falls Sie früher aufhören möchten. Das Schöne daran: Diese Einzahlungen können Sie zum Teil von der Steuer absetzen. Je nach Steuersatz holen Sie sich einen ordentlichen Anteil über die Steuererklärung zurück – bei gutem Verdienst schnell ein Drittel und mehr. Ob sich das für Sie rechnet, hängt von Ihrem Steuersatz, Ihrer Gesundheit und Ihren übrigen Anlagemöglichkeiten ab. Aber prüfen sollten Sie es unbedingt.

Woraus sollte eine stabile Geldanlage fürs Alter bestehen – und wie sieht ein gutes Vorsorge-Portfolio konkret aus?

Überraschend einfach. Das Herzstück ist beispielsweise ein breit gestreuter Aktien-ETF auf den Weltindex MSCI World – damit besitzen Sie Anteile an über 1.300 Unternehmen aus 23 Ländern, schon ab 25 Euro im Monat. Über 30 Jahre brachte das vor Steuern im Schnitt 9,1 Prozent Rendite pro Jahr (Stand: 30. Juni 2026). Wer es ruhiger mag, kombiniert diesen ETF mit sicherem Tagesgeld – das ist die Idee des Pantoffel-Portfolios der Stiftung Warentest: bequem wie ein Hausschuh, weil es kaum Pflege braucht. Und flexibel, weil berufliche Biografien von Frauen nicht immer so gerade verlaufen wie die von Männern. Der sichere Teil nimmt die Schwankungen raus, kostet aber auch Rendite, denn Tagesgeld wirft langfristig deutlich weniger ab als Aktien – bei hälftiger Mischung bleiben im Beispiel oben aber immer noch 6,3 Prozent Rendite. Es ist also eine Abwägung zwischen ruhigem Schlaf und höherem Ertrag. Je näher die Rente, desto größer sollte der sichere Teil sein. Und die Angst vor Aktien? Wer breit streut und Geduld mitbringt, lag beim MSCI World nach 15 Jahren bisher immer im Plus. Die Scheu vor Aktien können Sie also getrost ablegen.

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