Neu entdeckte Leidenschaft: BRIGITTE-Kollegin gesteht: "Kunst war mir lange schnurzpiepegal"

Was kann Kunst? So einiges, findet unsere Kollegin Natali Michaely. Und fragt sich, ob man alt wird, wenn man plötzlich lieber in Museen als auf Konzerten abhängt.

Nein, ich war keines von diesen Kindern, die schon im Vorschulalter durch Museen geschleift werden und kaum den eigenen Namen kennen, aber wissen, wer Chagall ist. 

Auch später war Kunst für mich ein Buch mit sieben Siegeln und erschöpfte sich in Fragen wie, warum die Tomatenkleckse auf meinem weißen T-Shirt kein Vermögen wert waren, die von einem Typen namens Jackson Pollock aber schon. Ja, oder warum sagten alle, das Lächeln dieser düster gekleideten Gruftie-Frau namens Mona Lisa sei so toll, während mein Teenager-Ich fand, sie wirke einfach nur verkniffen?

Ich habe meinen Zugang zu Kunst zufällig gefunden

Ich kann weder gut malen (meine Männchen haben auch heute noch Spargelbeine und Zackennase), noch hatte ich je das Bedürfnis, extra nach Amsterdam zu fahren, um mir Rembrandts «Die Nachtwache» live anzusehen. Eigentlich war Kunst mir lange Zeit schnurzpiepegal. Doch das änderte sich vor ein paar Jahren. Nicht weil mir vor einem Werk plötzlich die große Erleuchtung gekommen wäre, die mein Leben verändert hat. Nein, es begann eher schleichend, vielleicht mit diesem Wintersonntag in London.

Mein Flug ging erst am Abend. Was also tun, es war bitterkalt? Ich landete in der «Tate Modern». Die Londoner Museen kosten keinen Eintritt, sie sind geheizt, und wenn schon Kunst, dann bitte zeitgenössisch. Den Museumsshop der «Tate» fand ich super, die kleinen, bunten Nischen, in denen sich Kinder und Erwachsene interaktiv betätigen können, auch.

Und dann klebte ich vor dieser Fotoserie von Rineke Dijkstra. Die Holländerin hatte Frauen direkt nach der Geburt fotografiert: Sie waren nackt, den Körpern sah man die harte Arbeit an, ihre Neugeborenen waren zerknittert und wirkten wie Aliens in dieser viel zu hellen Museumswelt. Die perfekten Mamis von Instagram? Lichtjahre entfernt. Und doch waren diese Mütter hier viel faszinierender in ihrer müden Verletzlichkeit, ich konnte sie lange nicht vergessen.

Immer häufiger ging ich nun in Ausstellungen. Und irgendwann begriff ich, was mir vorher die Lust an Kunst genommen hatte: der Druck, etwas grandios finden zu müssen, nur weil die Welt das so vorgibt. Ist es o. k., sich zu langweilen, wenn man vor einem Meisterwerk steht? Na klar! «Die Nachtwache» habe ich mittlerweile gesehen, und ich kann das Geschick Rembrandts wertschätzen, doch ehrlich gesagt: Sie sagt mir nichts. Ich ging weiter, ohne ein pflichtschuldiges Beweisfoto zu machen (Hey Leute, ich war da!!), und blieb lieber vor einem unbekannten Gemälde stehen, das zu mir zu sprechen schien.

Frei von Zwang 

Seitdem ich das rausgefunden habe, ist Kunst für mich ein echter Gamechanger geworden. Ich habe nämlich festgestellt: Ein Werk, das mich fasziniert, entspannt mich mehr, als es jede Yogastunde könnte. Und es beschwingt mich noch Wochen später, so wie das früher mit coolen Konzerten war. Die nerven mich dagegen heute oft – zu viele Motzer und Drängler in einem schlecht belüfteten Raum.

Mittlerweile gibt’s tatsächlich Studien, die belegen: Kunst macht nachweislich gesünder. Ich habe es dieses Jahr am eigenen Leib auf der Biennale erlebt, ich war zum ersten Mal dort. In Massen schiebt man sich durch die Ausstellungspavillons und schmalen Gassen von Venedig – ein ziemlicher Freizeitstress. Und dann gerät man auf einmal in einen Palazzo fernab des Trubels und steht vor Bildern, die einen regelrecht einsaugen und ganz duselig machen vor Glück. So ging’s mir mit den großartigen Malereien der Britin Jenny Saville. Bin ich jetzt alt? Mag sein. Aber eigentlich auch völlig egal: Es gibt noch so viel zu entdecken!

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