Neues "Wundermittel": Sind Bakterien die Antwort auf den Jojo-Effekt?

Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmkeim soll verhindern, nach einer Gewichtsabnahme wieder zuzunehmen – das klingt nach einem medizinischen Durchbruch und zu schön, um wahr zu sein. Warum wir laut Fachleuten diese Ankündigung mit Vorsicht genießen müssen.

Das leidige Spiel kennen Übergewichte zur Genüge: Nach einem großen Abnehmerfolg dauert es mal länger, mal kürzer, jedoch eines scheint sicher: Irgendwann geht das Gewicht wieder rauf, zum Teil sogar auf ein höheres Niveau als zuvor. Diesem stetigen Auf und Ab verdankt der «Jojo-Effekt» seinen Namen.

Eine kürzlich im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Studie aus den Niederlanden zeigt nun, dass Testpersonen, die bestimmte Darmbakterien eingenommen hatten, ihr Gewicht besser halten konnten als die Kontrollgruppe, die nur ein Scheinpräparat erhielt. 

Schlank-Keim?

Das Bakterium, das in der Studie untersucht wurde, heißt Akkermansia muciniphila und ist keine unbekannte Größe in der Forschung. Schon 2019 und 2025 wurde in zwei Studien nachgewiesen, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm das Körpergewicht beeinflusst. Menschen mit einem höheren Akkermansia-Anteil im Darm haben generell einen niedrigeren BMI. Im Umkehrschluss wurden bei Betroffenen von Prädiabetes und Typ-2-Diabetes geringere Level von A. muciniphila festgestellt.

Für die aktuelle Studie pasteurisierte das Forschungsteam nun einen Stamm des Darmbakteriums. Es wurde dadurch widerstandsfähiger gegenüber Temperatur, Säure und Sauerstoff gemacht, ohne dabei seine Wirkung einzubüßen.

90 übergewichtige Testpersonen hielten zunächst über acht Wochen eine Diät mit nur 900 Kilokalorien am Tag. Die 84 Personen, die dadurch mindestens acht Prozent ihres Gewichtes verloren hatten, wurden im Anschluss zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Hälfte nahm über 24 Wochen dreimal am Tag eine Kapsel mit den betreffenden Bakterien als Nahrungsergänzungsmittel ein, die andere Hälfte schluckte stattdessen ein Placebo. Alle Teilnehmenden sollten versuchen, ihr Gewicht zu halten, und erhielten eine Ernährungsberatung.

Wirksam und sicher

Nach dieser Erhaltungsphase hatten die Testpersonen aus der Bakteriengruppe mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm signifikant weniger wieder zugenommen als die Vergleichsgruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Personen nahmen sogar weiterhin ab. Bei der Gruppe mit dem Scheinpräparat waren es nur zwei. Auch die Insulinsensitivität verbesserte sich durch die Einnahme des Bakterienmittels. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.

Gute Neuigkeiten – mit einem Haken

Derzeit fehlten die Belege, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Darmbakterien tatsächlich beim Abnehmen oder dem Halten nach einem Gewichtsverlust helfen. Deshalb werden entsprechende Mittel auch nicht von den Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften empfohlen. Bis jetzt.

«Die neue Studie erbringt nun aber einen ersten wissenschaftlich soliden Nachweis, dass ganz bestimmte Präparate unter ganz bestimmten Bedingungen doch einen Nutzen haben könnten «, erklärt Dr. Stefan Kabisch gegenüber SMC. Er ist Studienarzt in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, DZD) an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Doch er bremst die Begeisterung sogleich: «Für eine Empfehlung ist es trotzdem noch zu früh. Der Effekt ist statistisch signifikant und von klinisch relevanter Größe. Er passt auch zu Resultaten einiger früherer Forschungsarbeiten. Allerdings basiert das aktuelle Ergebnis auf relativ wenigen Proband:innen und ganz spezifischen Testbedingungen. Deswegen kann das Resultat nicht für alle Menschen – nicht einmal für alle Menschen mit Adipositas – generalisiert werden.»

Den hohen wissenschaftlichen Standard der Studie hebt auch PD Dr. Rima Chakaroun, Fachärztin für Innere Medizin und Clinician Scientist an der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie des Universitätsklinikums Leipzig, hervor. Sie weist jedoch kritisch darauf hin, dass die Studie von dem Unternehmen finanziert und durchgeführt wurde, das auch das verwendete Nahrungsergänzungsmittel namens MucT vermarktet und das mittlerweile zum Danone-Konzern gehört. «Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse falsch sind, aber es bedeutet, dass Replikation durch unabhängige Gruppen dringend erforderlich ist.»

Ähnlich äußert sich Dr. Stefan Kabisch: «Die vorliegende Studie ist ein Zwischenschritt der Forschung, kein Endergebnis. Selbst für dieses spezifische Präparat braucht man Bestätigungsstudien mit deutlich mehr Teilnehmenden, um auszuschließen, dass in dieser Studie nur der Zufall einen Vorteil erbracht hat. Auch Fragen der Sicherheit wie Nebenwirkungen wird man darin erneut untersuchen.»

Immerhin ein Signal für die Zukunft

Es ist stark anzunehmen, dass in diese Richtung weiter geforscht wird. Denn, wie Prof. Dr. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Hohenheim, betont: «MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte.» Der Experte hält dies für durchaus relevant, «weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.» 

Noch ist nicht geklärt, warum die Behandlung mit dem Postbiotikum zum Abnehmerfolg beiträgt. Es wird vermutet, dass es zu einer verminderten Energieaufnahme im Darm kommt. Ebenso könnte es sein, dass sich die Stoffwechseltätigkeit verstärkt, weil durch die Bakterien weniger Entzündungssignale vom Unterhautfettgewebe ausgehen. 

«Klar ist: Es profitieren offensichtlich vor allem die Individuen von einer MucT-Therapie, die vor der Therapie eine geringe Anzahl von A. muciniphila im Stuhl hatten», erklärt Prof. Dr. Bischoff. «Dies erlaubt eine sinnvolle Selektion der Patienten für die Therapie und auch für eventuelle Folgestudien.»

Die ultimative Abnehm-Wunderpille ist damit jedenfalls (noch) nicht erfunden worden.

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