Reisen ohne Navi: Warum wir uns öfter auf das Unbekannte einlassen sollten

Wer immer weiß, wo es langgeht, rennt oft am Abenteuer vorbei. BRIGITTE-Redakteurin Verena Carl verfranst sich auf Reisen gern.

Da standen wir also, abends um neun an einer Haltestelle in der Mitte von Nirgendwo, im Lichtkreis einer funzeligen Straßenlaterne. Drumherum nichts als Nacht, unbefestigte Straßen, und unsere gebuchte Strand-Lodge mindestens zehn Kilometer weit weg. «Notfalls nehmen wir für die letzte Etappe ein Taxi», so hatten meine Freundin und ich geplant. 

Als wär’s ein niedersächsischer Regionalbahnhof, und nicht der letzte Bordstein vor der PazifikküsteCosta Ricas. Kein Taxi, nirgends. Nur ein mittelalter Mann, der mit uns ausstieg und uns seine Gastfreundschaft anbot. Er sei Papayabauer, wohne wenige Minuten Fußweg von hier.

Liegt nicht der Reiz des Reisens darin, sich auf das Unbekannte einzulassen?

Papayabauer, guter Witz: Zu Hause hätten wir uns wohl kaum auf diese Weise «mitschnacken» lassen. Einen Ozean entfernt, blieb uns kaum etwas übrig, als ihm zu vertrauen, wenn wir nicht bis zum Sonnenaufgang an der Bushaltestelle kauern wollten. Eine halbe Stunde später drängten wir uns mit Mann, Frau und fünf oder sechs Kindern um einen Küchentisch. Wir erzählten von Deutschland, so weit unsere Spanischkenntnisse trugen, beschämt, wie selbstverständlich diese Menschen ihr Heim mit uns teilten. Die Papaya aus dem Garten, die breite Matratze, auf der sonst wohl die Kinder schliefen.

Diese Geschichte spielt 1998, in einer Welt ohne Google Maps, mobile Buchungstools und Taschenlampen-App. Klar war es damals leichter, sich zu verirren – aber dafür kam man auch leichter raus aus seiner Komfortzone. Und liegt nicht der Reiz des Reisens darin, sich auf das Unbekannte einzulassen? Wenn ich immer gleich weiß, wo es langgeht, dann geht auch was verloren.

Funkloch, Schotterpiste und Verwirrungen 

Seit ich nirgends mehr ohne Navi und Booking-App hinreise, verfranse ich mich seltener – und wenn, dann ist es meist weniger charmant. Ich bin mal eine Dreiviertelstunde lang einen immer schmaler werdenden Schotterweg in den Bergen Zyperns entlanggejuckelt, den mein Smartphone unbeirrt als «Forststraße» kategorisierte. Aber die schönen, die aufregenden Momente von Orientierungslosigkeit gibt es immer noch, man muss sie nur finden. 

Mein Geheimtipp 2026: das Funkloch im niedersächsischen Staatsforst Göhrde. Orten ist nicht. Um wieder rauszukommen hilft nur, an jeder Kreuzung gleich abzubiegen, also entweder immer links oder immer rechts. Man ist dort ziemlich allein, bis auf ein Wolfsrudel. Sieben Tiere sind es angeblich aktuell. Ich glaube, die stehen dauernd hinter den Fichten und grinsen. Manchmal ist das Abenteuer eben doch gar keine 10 000 Kilometer von Hamburg entfernt, sondern nur 103. Sagt jedenfalls Google Maps.

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