Zwölf Jahre lang ist die alleinerziehende Angela* gleichzeitig nur für ihre pflegebedürftige Mutter und drei Söhne da. Nebenbei arbeitet sie. Angela gehört zur «Generation: Sandwich» – Menschen, die plötzlich nicht nur für ihre Kinder, sondern auch die Eltern sorgen. Wie schafft man das? Ein Protokoll.
Der Tag, an dem die Falle zuschnappte
Es war Pfingsten 2005. Ich kam erschöpft von der Arbeit nach Hause, mein Arbeitsweg führte quer durch München. Meine Söhne, damals neun, 13 und 14, warteten schon auf mich. Sie waren wie jedes Jahr für die Pfingst-Fußballfreizeit angemeldet. «Packt eure Sachen. Sobald ich da bin, geht es los!», hatte ich ihnen gesagt. Vor unserem Wohnhaus fiel mir als Erstes das Fahrrad meiner Mutter auf, die in der Wohnung unter uns lebte. Die Zeitung steckte noch im Kasten – das war ungewöhnlich. Ich bat die Jungs zu warten, sperrte ihre Tür auf und fand sie dort, hilflos am Boden liegend: Meine 69-jährige Mutter hatte einen Schlaganfall erlitten. In diesem Moment schnappte die Falle zu.
Ich lebte mit einem permanenten schlechten Gewissen
Der Notarzt kam und versorgte meine Mutter. Zwei Kinder standen mit gepackten Koffern daneben, und ich konnte mich nicht um sie kümmern. Panisch organisierte ich über Freunde und den Fußballverein eine Mitfahrgelegenheit für sie. Diese Situation war der Auftakt für die nächsten zwölf Jahre, in denen ich ein Leben in ständiger Alarmbereitschaft führen würde. Ständig damit beschäftigt, Kompromisse zu schließen – Kompromisse, bei denen fast immer meine Kinder zurückstecken mussten. Ich lebte fortan mit einem permanenten schlechten Gewissen jedem gegenüber: meiner kranken Mutter und meinen vernachlässigten Kindern. Von meinen eigenen Bedürfnissen ganz zu schweigen – sie spielten von diesem Moment an keine Rolle mehr.
Der Schraubstock zieht sich zu
Ich fühlte mich, als hätte mich das Leben in einen Schraubstock gezwängt, der mit jeder neuen Pflicht enger wurde. Damals war ich 41 und verheiratet. Mein Mann fuhr zur See, war monatelang weg, dann wieder länger da. Ich musste den Alltag so organisieren, dass es auch ohne ihn funktionierte. Wenn er da war, pickte er sich die Rosinen heraus. Er verstand sich gut mit meiner Mutter, was anfangs eine Stütze gewesen wäre.
Doch der extreme Stress wurde in den kommenden Monaten zu viel für unsere Ehe. Im September 2005 trennten wir uns, weil ich einfach keine Kraftreserven mehr hatte, um für unsere Liebe zu kämpfen. Plötzlich war ich allein mit drei Kindern und meiner kranken Mutter.
Ich engagierte eine polnische Pflegekraft – das war illegal
Aufhören zu arbeiten war finanziell unmöglich, also engagierte ich eine polnische Pflegekraft. Ich arbeitete vier Stunden am Tag, aber mein Arbeitsweg war eine Zumutung: täglich saß ich drei Stunden in der S-Bahn. Mein Halbtagsgehalt, Kindergeld und Mindestunterhalt lagen exakt 1,50 Euro über dem Sozialhilfeniveau. Dadurch erhielten wir keinerlei staatliche Unterstützung wie Zuschüsse für Klassenfahrten. Meine Mutter konnte sich und ihre Pflege aber glücklicherweise selbst finanzieren. Auch, weil mein Vater, der bereits 1993 gestorben war, gut vorgesorgt hatte.
Da meine Mutter keinesfalls ins Heim wollte, organisierten wir nach ihrer Reha eine polnische 24-Stunden-Pflegekraft – allerdings gab es damals noch keine legalen Anbieter in Deutschland. Die Nummer hatte uns der soziale Dienst der Reha inoffiziell zugesteckt, weil sie gesehen hatte, in welch großer Not ich bin. Die Frauen waren weder angemeldet noch versichert. Ich hatte ständig Angst, dass etwas passiert. Erst ab Oktober 2007 gab es Vermittlungsdienste für selbstständige Pflegerinnen, die in der jeweiligen Gemeinde gemeldet wurden und krankenversichert waren. Entsprechend konnte ich vorher auch mit niemandem über Probleme mit unserer polnischen Pflegerin sprechen.
Spontane Ausflüge mit meinen Kindern waren unmöglich
Die Pflegekraft lebte 24/7 bei meiner Mutter und musste wie ein Au-pair in unser Familienleben integriert werden. Da sie, meine Mutter und meine Kinder völlig unterschiedliche Essenswünsche hatten, musste ich dreimal täglich Essen planen und getrennt einkaufen. Da meine Mutter sich kaum bewegen konnte, stand die Pflegerin oft viermal täglich vor meiner Tür, weil sie etwas nicht verstand oder fand. Mein ganzer Alltag wurde zerstückelt. Spontane Ausflüge mit meinen Kindern waren unmöglich, es sei denn, meine Schwester kam vorbei und passte ein paar Stunden auf meine Mutter (und ihre Pflegerin) auf.
«Du wohnst im selben Haus? Wie praktisch!», sagten viele, denen ich von meiner Situation erzählte. Doch diese Nähe war nur auf den ersten Blick «praktisch» – vielmehr war ich in permanenter Rufbereitschaft. Nun hatte ich zwar noch eine Schwester, die «nur» 40 Kilometer entfernt wohnte, aber trotzdem rief man natürlich nach mir, wenn die Sicherung rausgeflogen war oder sich die Pflegerin mal wieder ausgesperrt hatte. Abschalten konnte ich, wenn mich Freund:innen abends mal für ein Stündchen auf ein Glas Wein zu Hause besuchten. Aber einfach weggehen konnte ich nie.
Mein 14-Jähriger musste helfen, seine Oma aufs Klo zu setzen
Meine Kinder mussten rasend schnell groß werden. Oft brauchte ich die Hilfe meiner Söhne, um ihre Oma zu stützen oder auf die Toilette zu heben – Aufgaben, die für einen 14-Jährigen eine enorme Zumutung sind. Wenn die Pflegerin mal wieder Hilfe brauchte, rief ich zu Hause an und schickte meine Söhne mit dem Schlüssel runter. Meine Kinder machten mir nie Vorwürfe, weil ich so wenig Zeit für sie hatte. Sie buchten sich oft selbstständig bei Freunden ein, wenn sie zum Handballspielen nach Augsburg mussten, weil sie wussten, dass ich sie sowieso nicht fahren konnte. Manchmal verteidigten sie ihre Oma sogar, wenn ich die Geduld verlor, weil mich meine Mutter mal wieder herumkommandierte oder an mir herummäkelte. «Chill mal, Mama. Oma meint es doch nicht so.»
Zwölf Jahre in ständiger Alarmbereitschaft
Damals ahnte ich noch nicht, dass sich diese Situation zwölf Jahre lang ziehen würde. Ich war oft verzweifelt, biss weinend ins Kissen und fühlte mich komplett fremdbestimmt. Ich war nie zu hundert Prozent präsent – weder bei mir noch bei den Kindern oder auf der Arbeit. Mein Leben war geprägt von einer ständigen Alarmbereitschaft, weil der nächste Notfall immer schon hinter der nächsten Ecke lauerte. Bei einem Pflegerwechsel kam es zu einem Alptraum: Die neue Pflegerin stürzte über die Badewannenkante, meine Mutter fiel aus dem Rollstuhl. Ich wurde auf der Arbeit angerufen, eilte nach Hause – dort standen zwei Rettungswagen: Einer fuhr die Pflegerin ins Krankenhaus, der andere meine Mutter. Der alte Pfleger war abgereist, weil er das Chaos nicht ertrug. Ich stand ohne Pflegekraft und mit beiden im Krankenhaus und hätte mich vor Verzweiflung in die Ecke werfen mögen.
Dass ich das alles beruflich überstand, verdanke ich meiner Chefin und meinen Kolleg:innen. Sie hatten großes Verständnis für meine Lage, mit der ich von Anfang an sehr transparent umging. Meine Karriere aber stagnierte. Ich wagte keinen Jobwechsel aus Angst vor einer Kündigung in der Probezeit, die uns finanziell ruiniert hätte. Als mein Chef pensioniert wurde, bekam jemand anderes seine Vollzeitstelle, für die ich prädestiniert gewesen war. Aber für mich wäre es unrealistisch gewesen, 40 Stunden zu arbeiten.
Neustart in Hamburg
2014 wurde der Münchner Standort meiner Firma geschlossen und mir wurde eine Vollzeitstelle in Hamburg angeboten. Ich war mittlerweile Anfang 50 und sah darin meine letzte Chance, beruflich weiterzukommen. Da ich in Hamburg studiert und dort auch meine Kinder bekommen hatte, fühlte es sich ein Stück an wie Nachhausekommen. Einziges Problem: Mein jüngster Sohn stand kurz vor dem Abitur. Aber meine Chefin erlaubte mir – als erster Mitarbeiterin überhaupt–, bis zu seinen Prüfungen im Homeoffice in München zu bleiben. Meine älteren Söhne studierten bereits oder machten eine Ausbildung.
Trotzdem war mein Umzug nach Hamburg von einem erdrückenden schlechten Gewissen begleitet, denn meine Mutter, deren Zustand immer schlechter wurde, blieb ja in München zurück. Ich organisierte ein engmaschiges Netz aus Pflegedienst, Notrufknopf und extra Check-ups. Meine Schwester musste nun häufiger einspringen und ich saß oft weinend am Hamburger Schreibtisch, wenn zu Hause mal wieder ein Notfall passierte, aber ich nichts tun konnte. An freien Tagen fuhr ich sofort nach München, um Liegengebliebenes in Muttis Haushalt abzuarbeiten. Meine Kinder waren in dieser Zeit erneut nur die Nummer zwei.
Meine Schwester war die Heilige, ich der «Buhmann»
Vor ihrer Krankheit hatten meine Mutter und ich kein inniges Verhältnis. Die Pflege erzwang nun eine körperliche Intimität, die uns beiden zutiefst widerstrebte. Durch den Schlaganfall war meine Mutter zudem sehr stur geworden. Sie haderte mit ihrem Schicksal und mäkelte an allem herum, was ich tat. Dankbare, liebevolle Worte gab es selten, weil sie viel zu sehr mit sich selbst und ihrer Situation beschäftigt war.
Besonders schmerzte der Vergleich mit meiner Schwester. Sie kam alle zwei Wochen mit einem Kuchen vorbei, zündete Kerzen an und machte eine «Wohlfühlstunde». Wenn sie ging, schwärmte meine Mutter in einer Tour, wie schön es mit ihr gewesen sei. Ich hingegen schaute immer nur gehetzt vorbei, brachte die falsche Marmelade mit, vergaß den gelben Sack und verlor nach einer Minute die Geduld mit ihr. Das tut mir heute leid, weil ich mir sicher bin: Mit mehr Entlastung hätten wir echte Quality-Time verbringen können, statt uns gegenseitig aufzureiben.
Der schwerste Schritt
Und dann war irgendwann das absolute Limit erreicht. Die Pflegekräfte wechselten ständig, meine Mutter wurde immer anstrengender. Meine Schwester konnte es nicht mehr alles allein leisten. Immer öfter rief meine Mutter mich nachts an – entweder, weil sie Angst hatte, verwirrt war und wieder mal gefallen war. Wir konnten es nicht mehr verantworten: Sie musste ins Heim. Es war ein furchtbarer Schritt. Wir hatten das Glück, einen Platz direkt vor Ort zu finden, sodass ihre Masseurin, Friseurin und Fußpflegerin weiter zu ihr kommen konnten. Trotzdem war uns allen klar: Das ist die Endstation. Mutti lebte dort genau ein Jahr, ehe sie verstarb.
Ich empfand es als Erleichterung, als sie ins Heim wechselte, weil sie nun ENDLICH von Profis betreut und damit in Sicherheit war. Gleichzeitig zweifelte ich: Hätten wir sie schon zwei Jahre eher dorthin geben sollen? Hätte uns das alles nicht viel Stress und Kummer erspart, weil sich Mutti dann hätte einleben können? Hätten wir es bis zum Schluss zu Hause durchgestanden, wenn wir gewusst hätten, dass es nur ein Jahr ist? Heute habe ich damit Frieden geschlossen. Ich habe getan, was ich tun konnte. Mehr ging nicht. Mehr hätte mich zerstört.
Was ich pflegenden Angehörigen rate
Wenn ich heute sehe, wie blauäugig manche in die Pflege stolpern, möchte ich sie schütteln. Holt euch sofort Unterstützung! Nutzt die Tagespflege, um einen freien Tag zu gewinnen. Nutzt die Kurzzeitpflege für zwei bis drei Wochen echten Urlaub im Jahr mit eurer Familie, schaltet das Telefon ruhig mal aus und widmet euch den Kindern oder euch selbst. So egoistisch muss man sein. Es ist so wichtig, Grenzen zu setzen.
Ich habe eineinhalb Jahre gebraucht, um zu lernen, dass ich bei unbedeutenden Wünschen nicht sofort springen muss. Das Lieblingsparfüm ist alle? Eine Glühbirne soll ausgewechselt werden? Ich gab ihr einen Zettel: «Schreib es auf, ich mache es am Samstag.» Das funktionierte wunderbar. Und noch ein wichtiger Rat: Sucht euch eine Selbsthilfegruppe. Man muss mit anderen Betroffenen über dieses Gefühlschaos sprechen können, ohne verurteilt zu werden. Man muss sagen dürfen: «Ich bin so wütend und erschöpft, ich könnte in die Kissen schlagen!», ohne dass jemand entgegnet: «Wie kannst du das nur sagen? Es ist doch deine Mutter.»
Führt unangenehme Gespräche mit euren Kindern und Eltern frühzeitig, solange noch alle gesund sind. Klärt Patientenverfügungen, Finanzen und Vollmachten. Fragt eure Eltern: «Was wünschst du dir und was erwartest du von mir?» Definiert eure Grenzen, bindet die Eltern ein und sucht gemeinsam nach Lösungen. In unserer Gesellschaft fehlt es an einer zentralen Beratungsstelle. Meine Mutter war beihilfeberechtigt – ein bürokratischer Albtraum, weil sich Beihilfe und Kasse ständig die Zuständigkeit zuschieben. Für jeden Krankentransport musste ich dieselben Zettel ausfüllen. Warum können Dauerrezepte nicht direkt vom Arzt an die Apotheke geschickt und geliefert werden, anstatt uns Pflegenden den Alltag weiter zu erschweren?
Endlich für niemanden mehr verantwortlich
Heute genieße ich meine Freiheit in vollen Zügen. Die Jungs sind aus dem Haus und gehen ihren Weg. Ich bin für niemanden mehr verantwortlich, nur noch für mich selbst. Nach der Arbeit einfach ziellos spazieren gehen oder im Park sitzen, ein Wochenende ohne Pläne oder einfach mal ausschlafen – das tut so gut. Ich bin allein schon glücklich darüber, dass ich die Möglichkeit habe.
Für meine drei Kinder habe ich bereits eine Entscheidung getroffen. Sie sollen ihr Leben niemals für meine Pflege aufopfern müssen. Wenn ich Hilfe brauche, wünsche ich mir einen Heimplatz und vielleicht ab und zu jemanden, der mir vorliest. Wenn sie mir im Alter samstags ab und zu Einkäufe bringen oder eine Putzfrau organisieren, reicht das. Aber diese extreme Eingebundenheit? Nein, bitte nicht. Sie sollen ihr Leben leben.
Übrigens – kaum zu glauben mit drei Kindern und einer pflegebedürftigen Mutter – aber in der Liebe hatte ich wieder Glück. Der Fußball-Vater, den ich am Tag des Schlaganfalls anrief, damit er meine Jungs mit ins Camp nimmt – er war ebenfalls getrennt und wir verliebten uns.
* Name von der Redaktion geändert
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