Şeyda Kurt: Warum Wahlfamilien heilen können und Tomaten plötzlich Hoffnung geben

Im Interview spricht Bestseller-Autorin Şeyda Kurt über die Monster unserer Zeit und die heilende Kraft von Wahlfamilien. Außerdem verrät sie, warum ihr gerade Tomaten Mut machen.

Şeyda Kurt hat im Sommer ihren Debütroman «Zeit der Monster» veröffentlicht. Nach «Radikale Zärtlichkeit» und «Hass» hat sie sich an etwas ganz anderes gewagt: Eine dystopische Geschichte, die von Zusammenhalt und den Krisen unserer Zeit erzählt. Wir haben die Autorin beim «Harbour Front Literaturfestival» getroffen und genau darüber gesprochen.

Was hat dich dazu bewegt, dein neues Buch zu schreiben?

Wir leben in einer Zeit, die sich auch politisch für viele Menschen wie ein Fiebertraum anfühlt – auch für mich. Zugleich habe ich aber auch sehr viel Entzücken und Staunen über die Schönheit der Welt gespürt. Ich habe selbst erfahren, wie sich Menschen in Zeiten politischer oder persönlicher Katastrophen zusammentun. Wir leben auf eine Art und Weise in einer Zeit der Monster – und dennoch trotzen Menschen dieser Gegenwart immer wieder etwas wie Zukunft, Schönheit und Gemeinschaft ab. Diese Gleichzeitigkeit hat mich dazu bewegt, das Buch zu schreiben.

Dein Buch heißt «Zeit der Monster» – was sind Monster für dich in der realen Welt?

Bei Monstern denken viele Menschen an übernatürliche, furchteinflößende Kreaturen, die uns heimsuchen oder auflauern und manchmal unter unserem Bett auf uns warten. Sie sind nicht ganz menschlich, haben aber manchmal menschliche Anteile, die uns umso mehr verstören und irritieren.

Monster mahnen uns auch. Sie warnen uns vielleicht davor, was mit einer Welt passieren kann, die wir einfach den Monstrositäten überlassen, anstatt um eine bessere Welt und eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Die Monster, die mich interessieren, sind deshalb diese Schwellenwesen und monströsen Erscheinungen, die gerade in Zeiten politischer Unsicherheit und Katastrophen entstehen. In solchen Zeiten stehen alte Gewissheiten – sei es die liberale Demokratie oder eine wertebasierte Weltordnung – ebenso auf der Kippe wie unsere persönlichen Selbstverständlichkeiten und Normalitäten.

Was macht dir im Moment besonders große Sorgen?

Die Klimakatastrophe ist ein ganz großes Thema – natürlich auch in meinem Buch. Darin geht es um ein Viertel, das in der Hitze, in Fluten und in dem Sumpf, der es umgibt, unterzugehen droht. Gleichzeitig verbreiten sich mysteriöse Krankheiten wie ein Lauffeuer, und die Menschen bekommen Fieber. Sie fangen also an zu brennen wie die Erde.

Was mich in den vergangenen Jahren außerdem sehr beschäftigt hat, ist die Militarisierung und Aufrüstung – vor allem aus feministischer Perspektive. Immer mehr Stimmen sprechen sich beispielsweise dafür aus, dass die Bundeswehr weiblicher werden müsse oder dass wir im Namen des Feminismus nun Kriege führen müssten. Ich halte das für eine ganz schreckliche und gefährliche Entwicklung. Die feministische Friedensforschung zeigt, dass weltweit immer Frauen, queere Menschen und Kinder am stärksten unter Kriegen leiden und deren erste Opfer sind. Gerade feministische Politik muss deshalb einen Kontrapunkt zu den militaristischen und häufig patriarchalen Ideologien setzen, die dem zugrunde liegen.

«Zeit der Monster» ist dein erster Roman. Bleibst du der Belletristik jetzt treu?

Es gibt einen schönen Satz des romantischen Dichters Novalis über die Philosophie, der sich in meinem Fall auch gut auf die Literatur anwenden lässt: Philosophie sei eigentlich so etwas wie Heimweh, der unbändige Trieb, überall zu Hause sein zu wollen.

Das ist für mich auch die Literatur. Deshalb bin ich sehr umtriebig und schreibe viel und in unterschiedlichen Gattungen und Genres. Ich möchte mir überall ein Zuhause schaffen: im Sachbuch, in der Essayistik, auf Theaterbühnen und jetzt auch in Romanen.

Das heißt, wir können uns auf einen weiteren Roman von dir freuen?

Ich kann mir auf jeden Fall gut vorstellen, noch einmal einen Roman zu schreiben, denn ich bin wirklich auf den Geschmack dieses sinnlichen Erzählens gekommen. Es geht dabei viel um das Schmecken, Riechen und Fühlen, um den Staub in der Nase und die Sandkörner zwischen den Fingern – also um all das unmittelbar Körperliche. Das fand ich sehr aufregend. Im Gegensatz zu meinen Sachbüchern war es ein sehr befreites und lustvolles Schreiben. Ich kann mir aber genauso gut vorstellen, noch einmal vollständig in die Philosophie abzutauchen. Mal sehen.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert