Solo-Mutter Nina, 35: Solo-Mom Nina, 35: "Es hieß: 'Geh doch in eine Bar – das ist billiger!'"

Nina beschließt schon mit 30, dass sie mithilfe einer Samenspende schwanger werden will. «Die letzten 15 Jahre Männer haben mich nicht überzeugt», sagt sie. Warum sie bis 2027 unbedingt noch ein zweites Spenderkind will und trotzdem mehr denn je an die romantische Liebe glaubt, lest ihr im ersten Teil unseres BRIGITTE-Spezials über Solo-Mutterschaft. 

Es gab diesen einen Moment, ganz klischeehaft, als ich 30 Jahre alt wurde. Ich war beruflich angekommen, arbeitete damals als Tarifangestellte und wusste, dass meine Verbeamtung kurz bevorstand. Finanziell war ich also bis zum Lebensende abgesichert – ein Umstand, der für mich und mein Bedürfnis nach Sicherheit elementar war. 

Ich blickte auf die letzten 15 Jahre zurück, schaute mir an, was es so an Männern auf dem Markt gab, und stellte fest: Der Richtige, mit dem ich es mindestens 18 Jahre lang aushalten oder eine funktionierende Erziehungsgemeinschaft bilden wollte, war einfach nicht dabei. Mir wurde klar, dass ich für Männer noch 50 Jahre Zeit habe, aber das Zeitfenster, um Mutter zu werden, biologisch immer kleiner und komplizierter wird. Also beschloss ich, das «Projekt Kind» allein anzugehen.

Ein Projekt wie jedes andere

Ich bin ein absolut strategischer Typ. Für mich war die Entscheidung zur Solomutterschaft kein emotionaler Impuls, sondern ein Prozess, den ich mit einem echten Projektmanagement-Plan strukturierte. Ich recherchierte zwei Jahre lang, wollte nichts dem Zufall überlassen. Ich rechnete alles durch, suchte anderthalb Jahre nach einer bezahlbaren Wohnung in der Nähe meiner Eltern und zog schließlich aus meiner WG in eine Kleinstadt, um die logistische Unterstützung meiner Familie sicherzustellen. Jede Eventualität wurde kalkuliert – vom Elterngeld bis hin zur Frage, wie ich die Wohnung während der Elternzeit finanziere.

«Gehen Sie doch in eine Bar, das ist billiger»

Besonders intensiv setzte ich mich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland auseinander. Dabei stieß ich auf eine Absurdität, die mich bis heute fassungslos macht. Während meiner Rechtsberatung – die bei einer Samenspende verpflichtend ist – erklärte mir die Anwältin ganz offen, dass mein Weg der teuerste und bürokratischste sei. Sie sagte mir wörtlich: «Langfristig ist es günstiger, wenn Sie einfach in eine Bar gehen, mir dort jemanden suchen und seinen Namen «vergessen».

Der Hintergrund ist rein finanziell: Da ich mich bewusst für eine offizielle Samenspende entschied, habe ich keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Hätte ich jedoch einen One-Night-Stand in einer Bar gehabt und beim Jugendamt angegeben, ich wüsste nicht, wer der Vater ist, hätte ich Anspruch auf staatliche Unterstützung – immerhin rund 300 Euro im Monat. Diese Empfehlung, sich quasi «anonym» schwängern zu lassen, um das System zu nutzen, empfand ich als völlig absurd. 

Abgesehen von den gesundheitlichen Risiken eines anonymen Abenteuers ist es eine paradoxe Situation: Ich plane alles akribisch, sorge für finanzielle Sicherheit und übernehme volle Verantwortung, werde aber im Vergleich zu einer «unplanned» Situation finanziell bestraft. Es ist ein Nachteil für mein Kind, den ich zwar einkalkuliert habe, der aber die mangelnde Anerkennung von Solomüttern durch den Staat widerspiegelt.

Die Suche nach dem richtigen Umfeld

Auch bei der Wahl der Klinik war meine kontrollierte Art ausschlaggebend. Ich suchte gezielt nach Einrichtungen in Hamburg, die offensiv damit umgingen, auch Single-Frauen zu behandeln. Es war mir wichtig, dass die Klinik Vielfalt auf ihrer Website proaktiv anspricht. Eine Klinik schied sofort aus, weil sie auf einer verpflichtenden psychosozialen Beratung bestand. Ich empfinde das als extrem übergriffig

Kein Paar und keine Frau, die auf natürlichem Wege schwanger wird, muss sich vorher staatlich oder psychologisch beraten lassen, um die Erlaubnis zur Mutterschaft zu erhalten. Warum also ich? Nur weil ich den Weg über die Medizin gehe? Ich hatte mich bereits privat umfassend informiert; ich brauchte kein Pflichtprogramm, um meine Eignung als Mutter prüfen zu lassen. Schließlich landete ich bei einer Ärztin, die diese Ansicht teilte und auf solche Hürden verzichtete.

Wie ich den «Vater» aussuchte

Der Prozess der Samenauswahl bei einer dänischen Samenbank war für mich ein weiteres Feld rationaler Entscheidungen. Ich filterte die Spender nach harten Fakten: Mindestgröße 1,75 Meter und ein gewisser Bildungsstand. Ich schaute mir die Babyfotos an und favorisierte die «niedlichen» Babys – am Ende blieben etwa 15 Kandidaten übrig. Die Krankheitsgeschichten glich ich ab, um sicherzustellen, dass sich bestimmte Risiken aus meiner eigenen Familie nicht häuften. 

Bei den letzten fünf Kandidaten war ich so weit, dass ich eine Liste mit Vor- und Nachteilen hatte und am Ende tatsächlich eine Münze werfen ließ. Das mag unromantisch klingen, war aber für mich die konsequente Fortführung meines Plans. Insgesamt investierte ich für die drei «Halme» Spendersamen inklusive Lieferung rund 5.000 Euro.

Emilia und ich

Heute lebe ich dieses Leben mit meiner Tochter Emilia. Wir haben unsere Routinen, und ich genieße es, alle Entscheidungen allein treffen zu können, auch wenn die volle Verantwortung manchmal eine Last ist. In meinem Umfeld wurde die Entscheidung fast durchweg positiv aufgenommen. Selbst mein 80-jähriger Opa, ein ehemaliger Bauer, verstand das Prinzip sofort, nachdem ich es ihm mit Vergleichen aus der Tierzucht erklärt hatte. Es gibt keine «schmutzigen Geheimnisse»; ich kommuniziere Emilia gegenüber ganz offen, dass sie einen Samenspender hat.

Was ich unterschätzt habe

Natürlich gibt es Dinge, die ich unterschätzt habe. Ich dachte zum Beispiel, es wäre einfacher, «Mama-Freundinnen» zu finden. Aber viele Mütter in den Kursen hatten schon Kinder und ihre festen Kreise; da war es schwierig, als Neue reinzurutschen. Auch die politische Lage sehe ich kritisch. Die aktuelle Elterngeldreform und der Mangel an Kita-Plätzen machen es Frauen, die Kinder wollen, unnötig schwer. Ohne meine finanzielle Stabilität und meinen Job als Beamtin wäre das alles kaum machbar. 

Ich arbeite bald wieder 40 Stunden, um mir einen Puffer für ein zweites Kind anzulegen. Denn ja: Ich habe bereits drei weitere Halme desselben Spenders nachgekauft, um Emilia ein leibliches Geschwisterchen zu ermöglichen.

Hier ist für mich die Grenze

Abschließend werde ich oft nach meiner Meinung zu anderen Reproduktionsthemen gefragt, besonders zur Leihmutterschaft. Hier ziehe ich eine klare Grenze. Ich halte die Legalisierung der Eizellspende in Deutschland für absolut überfällig. Es ist ethisch nicht nachvollziehbar, warum die Samenspende erlaubt ist, die Eizellspende aber nicht. Doch bei der Leihmutterschaft bin ich skeptisch. Solange sie kommerziell betrieben wird, sehe ich die Gefahr, dass Frauen in prekären Situationen ausgenutzt werden. Eine altruistische Leihmutterschaft, etwa für eine enge Freundin, könnte ich mir theoretisch vorstellen, aber das aktuelle «Kaufen» dieser Dienstleistung im Ausland lehne ich ab.

Mein Leben als Solomutter ist das Ergebnis einer bewussten, fast schon strategischen Planung. Es ist kein einfacher Weg, und die Bürokratie legt einem oft Steine in den Weg, aber wenn ich Emilia sehe, weiß ich, dass jeder Punkt auf meinem Projektplan es wert war.

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