Stimmexpertin: Du musst nicht lauter werden, um gehört zu werden

Auf der Bühne, bei der Präsentation oder im Meeting souverän wirken, obwohl innerlich alles flattert? Kommunikations- und Business-Coach Laura Wällnitz erklärt, warum «Fake it until you make it» oft nach hinten losgeht, wie echte Selbstsicherheit entsteht und was Frauen tun können, um gehört zu werden.

BRIGITTE: Den Rat «Fake it until you make it» haben viele von uns schon erhalten. Wenn man aufgeregt ist, soll man einfach so tun, als wäre man sicher. Du verfolgst eine andere Strategie…

Laura Wällnitz: Ich habe früher selbst versucht, Souveränität zu faken. Doch je wichtiger der Auftritt war, desto größer wurde die innere Anspannung. Psychologisch gesehen erzeugt dieses «Tun als ob» eine kognitive Dissonanz: Das, was wir ausstrahlen, passt nicht zu unserem inneren Erleben. Das stresst das Nervensystem enorm und ist wahnsinnig anstrengend. Mein Ansatz ist es daher, die Ursache der Unsicherheit an der Wurzel zu packen. Wir legen die Schichten ab, die unserer echten Selbstsicherheit im Weg stehen, statt uns eine Fassade überzustreifen.

Ich habe früher oft gehört, «Wenn du Lampenfieber hast, stell dir vor, du bist jemand anderes». Das ist also gar nicht ratsam?

Genau das ist der Knackpunkt. Diese Fassade ist wahnsinnig anstrengend. Man ist permanent damit beschäftigt, die eigene Aufregung zu kontrollieren und «richtig» zu wirken. Das erzeugt zusätzlichen Stress – statt Sicherheit.

Was bedeutet es im Gegensatz dazu für dich, wirklich authentisch zu sprechen?

In wichtigen Situationen laufen oft unbewusste Muster ab: Ich darf nichts falsch machen. Ich bin nicht gut genug. Ich muss perfekt sein. Diese Muster verändern unsere Wirkung – besonders die Stimme. Sie wird höher, angespannter, beginnt zu zittern. Das ist der Moment, in dem wir nicht mehr authentisch sind. Wenn wir diese Muster im Kern lösen, entsteht Authentizität automatisch. Authentisch ist jemand, der diese Schichten abgelegt hat – zwischen der echten Persönlichkeit und der unsicheren, unter Druck stehenden Version. Dann macht Sprechen wieder Spaß und kostet keine Energie, sondern gibt sie.

Laura Wällnitz
Laura Wällnitzist Sprechwissenschaftlerin und integraler Businesscoach. Mit über 15 Jahren Bühnenerfahrung begleitet sie heute vor allem Führungskräfte, die an ihrer Stimme, Ausstrahlung und Präsenz arbeiten möchten.
© privat

Muss die Aufregung dafür komplett verschwinden?

Aufregung komplett abzulegen wäre unnatürlich. Sie darf da sein. Wichtig ist nur die Dosis. Wenn Aufregung uns fokussierter macht: gut. Wenn sie zu Herzrasen, Übelkeit, Atemnot oder schlechtem Schlaf führt, ist es zu viel. Man kann sich das wie einen Regler vorstellen: Ziel ist, die Aufregung so zu reduzieren, dass sie unterstützt – nicht blockiert.

Dafür gibt es keinen Quick Fix – oder doch? 

Der erste Schritt ist eine starke, sichere Körperhaltung: locker, aber energiegeladen – aufrecht, ohne steif zu wirken. Wichtig ist eine offene Gestik, die zu dir passt. Gerade introvertierte Menschen müssen nicht viel gestikulieren, um Präsenz zu zeigen. Bleibst du etwa zwei Minuten in dieser Haltung, stellt sich oft auch innerlich mehr Sicherheit ein. Unterstützend wirkt die Frage: Was kann ich aus dieser Situation Positives mitnehmen? So entsteht auch eine positive innere Haltung – statt dem Gedanken, einfach nur schnell durchkommen zu wollen.

Ein Thema, das viele Frauen frustriert, ist das Unterbrochenwerden. Warum passiert uns das so oft?

Das hat mehrere Ursachen. Eine ganz simple ist die Biologie: Frauenstimmen sind von Natur aus oft höher und haben weniger Volumen als Männerstimmen. Wenn wir dann unter Stress noch höher sprechen, verknüpft unser Unterbewusstsein das automatisch mit einer Kinderstimme. Das System des Gegenübers filtert dann: «Das kann nicht so wichtig sein, da ist kein Fundament.» Aber es gibt noch einen Punkt, den wir selbst steuern können: Unsere eigene Unsicherheit.

Wie wir selbst über unseren Redebeitrag denken?

Genau. Ich habe häufig gehört, dass Frauen, ihre Ideen schon im Vorfeld entwerten. Mit Sätze wie: «Ich weiß nicht, ob das relevant ist, aber…» So wirken wirken wir leiser, vorsichtiger und unsicherer – und das macht es anderen wiederum leichter, uns zu unterbrechen. Hinzu kommt oft eine Erziehung, in der wir gelernt haben: «Sei brav, sei lieb, schrei nicht rum.» Die Sozialisierung steckt tief in uns drin. 

Wie wehren wir uns gegen Unterbrechungen, ohne unfreundlich zu wirken?

Der wichtigste Tipp: Nicht entschuldigen und keine Frage stellen! Wenn du sagst: «Lassen Sie mich bitte kurz zu Ende sprechen», dann muss die Stimme am Satzende nach unten gehen. Viele Frauen gehen mit der Stimme hoch, was wie ein Fragezeichen klingt und Unsicherheit signalisiert. Sprich lieber etwas langsamer, such den Blickkontakt und nimm dir den Raum zurück. Schön ist auch eine Kombination mit einem Lob: «Ein wichtiger Punkt von Ihnen – halten Sie den kurz fest, ich möchte meinen Gedanken noch zu Ende bringen.» Das ist wertschätzend und souverän zugleich.

Gibt es weitere Signale, die unsere Souveränität unbewusst schwächen?

Die Stimme ist zentral: Lautstärke, Tonlage, Tempo. Viele Frauen sprechen zu hoch. In der tieferen, echten Stimmlage klingt die Stimme entspannter, glaubwürdiger und durchsetzungsfähiger. Dazu kommen Weichmacher, Füllwörter, Umwege in der Sprache, aber auch Körpersprache und innere Haltung. Gehe ich mit dem Gefühl rein: Ich will das nur hinter mich bringen – oder: Ich habe etwas zu sagen?

Füllwörter benutze ich auch viel zu häufig.

Das ist okay, der erste Schritt ist das Bewusstsein dafür. Pausen statt Füllwörter wirken sofort souveräner – und lassen sich trainieren.

Was empfiehlst du jemandem, der an seiner Bühnenpräsenz feilen möchte?

Ich empfehle immer, auf zwei Ebenen zu arbeiten: innerlich – an blockierenden Mustern wie Perfektionismus oder Selbstzweifeln und äußerlich – an Stimme, Atmung, Körpersprache. Such dir einen Punkt mit dem größten Hebel und trainiere ihn bewusst. 

Führung heißt Verantwortung übernehmen – aber oft auch Druck, Unsicherheit und die Angst, nicht zu genügen. In ihrem neuen Buch gibt Laura Wällnitz Strategien an die Hand, gelassener und souveräner mit all dem umzugehen. Erscheint am 30. April 2026. 
Führung heißt Verantwortung übernehmen – aber oft auch Druck, Unsicherheit und die Angst, nicht zu genügen. In ihrem neuen Buch gibt Laura Wällnitz Strategien an die Hand, gelassener und souveräner mit all dem umzugehen. Erscheint am 30. April 2026.
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Kann das wirklich jede lernen?

Absolut. Es ist wie Kraftsport. Ich selbst habe früher gar nicht gerne vor anderen gesprochen und war vor Auftritten so nervös, dass es mir richtig schlecht ging. Ich hatte Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Aber man kann an beiden Ebenen arbeiten: die inneren Blockaden lösen und gleichzeitig die äußere Ausstrahlung trainieren. Wenn man merkt, dass man Freude daran haben darf, sich den Raum zu nehmen, bekommt das eine ganz neue Dynamik. Es lohnt sich, mit Kleinigkeiten anzufangen.
 

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