Trennen oder bleiben?: Auf ihrer Solo-Wanderung fand Christiane, 50, die Antwort

Mit 50 Jahren steckte Christiane Lohmann in einer Beziehung fest, die sich zwar gut anfühlte, aber gleichzeitig nicht ganz richtig. Also ging Sie los – allein. Zu Fuß von Norddeutschland bis auf eine einsame Schweizer Berghütte. Und traf eine Entscheidung.

BRIGITTE: Liebe Christiane, Sie waren 50 Jahre alt, als Sie sich dazu entschlossen, mal «einfach loszugehen» und starteten fast von der eigenen Haustür aus – zwei Monate waren Sie dann weg. Woher kam der Entschluss?  

Christiane Lohmann: Ich hatte damals eine sehr gute Therapeutin, die zu mir sagte: Ich würde Ihnen mal eine Zeit gönnen, in der Sie wirklich mal ganz für sich sind, völlig unbeeinflusst von Ihrem gewohnten Umfeld. So kam ich auf die Idee. Einfach allein von Ort zu Ort zu gehen, das war etwas, was ich tief im Innern schon immer mal machen wollte. Und außerdem war es auch eine Art Test: Was macht es mit mir, wenn ich zwei Monate von meinem Partner getrennt bin?  

Warum wollten Sie sich testen? 

Ich steckte schon lange in einer Krise. Ich war damals, vor zehn Jahren, in einer langjährigen Beziehung, die zwar liebevoll war, doch schwierige Dinge konnten nicht angesprochen werden. Mir hat etwas gefehlt. Wir waren sehr unterschiedlich vom Temperament, ich zum Beispiel musste einfach mehr mit Menschen unternehmen, er tat das nur ungern. Trotzdem hing ich sehr an ihm und steckte in dem Dilemma: Soll ich mich trennen oder bleiben? Auf diese Frage wollte ich während meiner Pilgerreise eine Antwort finden.  

Und Ihr Partner – wusste er zu dem Zeitpunkt von Ihren Gedanken und Plänen? 

Er wusste natürlich über unsere Situation Bescheid, aber wusste auch, dass es einfach ein Traum von mir ist, alleine so eine Wanderreise zu machen. Über die wahren, tief emotionalen Gründe aber konnte ich, wie gesagt, nie wirklich mit ihm sprechen. Es hing vage zwischen uns in der Luft, aber in Wahrheit wusste er es schon, denke ich.  

Mit welchem Gefühl haben Sie beide sich verabschiedet? 

Wir hatten beide Angst davor, was mit mir auf der Reise passiert. Aber auf ganz verschiedene Arten: Er hatte Angst vor meiner Entscheidung und hat mich nicht gerne gehen lassen. Ich dagegen hatte eher Angst davor, mich zu verlaufen, oder davor, dass mir als Frau einsam in den Wäldern etwas zustößt.  

Warum war es für Sie wichtig, zu Fuß zu gehen? Auf eine einsame Insel zu fahren oder in ein Retreat-Hotel wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen.  

Für mich ging es total um den Akt des Laufens. In einer Stadt, in der es sehr voll ist, und ich die Einzige bin, die allein ist, fühle ich mich schnell sehr einsam. Beim Wandern bin ich zwar auch allein, aber ich fühle mich nicht einsam, weil ich in der Natur bin. Ich habe mich während der Zeit total verbunden gefühlt und das ganze Gehen war für mich sehr heilsam.  

Wo hat Sie Ihr Weg hingeführt?  

Ich bin auf der Via Scandinavica in Bienenbüttel gestartet, bis Celle, dann ein Stück mit der Bahn bis Kassel, dort dann auf dem Habichtswaldsteig gewandert. Dann zwei weitere Jakobswege im Taubertal und in Bayern. Am Ende landete ich auf einer einsamen Berghütte. Viele der Wege waren Jakobswege, das hatte ich so eigentlich gar nicht geplant, den klassischen Camino nach Santiago wollte ich ja auch nicht gehen. Aber letztendlich war es auf diesen Wegen eine total schöne Energie, vielleicht, weil dort schon so viele Pilger vor mir unterwegs gewesen sind. Die habe ich dann auch in den Unterkünften getroffen.  

Haben Ihnen die Gespräche mit den anderen Reisenden geholfen?  

Ich habe viele Impulse bekommen, auf andere Arten über mein Leben nachzudenken. Wenn ich ein Paar gesehen habe, das gemeinsam eine Unterkunft betrieben hat, habe ich das bewundert – und dachte mir gleichzeitig, wie toll es für mich wäre, einen Partner zu haben, mit dem es so gut passt. Dann habe ich aber auch wieder Menschen getroffen, die mir von schwierigen Schicksalen erzählt haben. Eine Frau hatte ihren Mann einen Tag vor ihrer Hochzeit verloren. Sie war zu dem Zeitpunkt schon schwanger, hat ihr Kind alleine großgezogen und kümmerte sich danach noch um die Enkeltochter. Sie hatte nie wieder einen neuen Partner. Und sie akzeptierte das einfach als ihren Lebensweg.  

Was haben Sie währenddessen über sich selbst – oder Ihre Beziehung – gelernt? 

Buchcover "Vom Glück einfach loszugehen" von Christiane Lohmann
«Vom Glück einfach loszugehen. Eine Pilgerreise zu mir selbst» von Christiane Lohmann (Bonifatius Verlag, 18 Euro)

Ich wollte eine Entscheidung. Aber ich habe schnell festgestellt, dass es keine Entscheidung zwischen Schwarz und Weiß ist. Sondern für mich. Ich war nach diesen zwei Monaten einfach richtig bei mir, zufrieden, glücklich. Trotz der körperlichen Erschöpfung fühlte ich mich stark. Und ich hatte gemerkt: Zwar lebte ich zu Hause ein gutes Leben, aber das war nicht ganz ich. Das habe ich auf der Reise immer wieder gespürt.  

Wodurch wussten Sie dann, dass sich auch Ihre innere Reise dem Ende neigt – und Sie sich entschieden haben?  

In den letzten zwei Wochen meiner Reise habe ich gemerkt, wie sehr mir mein Partner fehlt. Wie sehr ich mich wieder auf das Nachhausekommen freute. Es hat sich rund angefühlt, endlich habe ich wieder etwas für ihn gefühlt. Ich bin dann auch zu ihm zurück. Gleichzeitig wusste ich, dass ich ab jetzt mehr bei mir bleiben werde.  

Welchen Schluss haben Sie daraus gezogen?  

Ich habe für mich so beschlossen, dass ich versuche, ihn mehr so sein zu lassen, wie er ist – und gleichzeitig mehr mein Leben leben will, ohne mich zu verbiegen. Dass ich Dinge allein mache. Denn ich habe auf der Reise erkannt, dass ich an meiner Strahlkraft verloren hatte. Und die hatte ich wiedergewonnen – und wollte sie mir beibehalten. Seitdem mache ich jedes Jahr, meist im Frühling, eine Reise allein. Nicht so lange – aber so lange, wie ich kann.   

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert