Wenn Sport zur Sucht wird: "Erstmals fühlte ich, dass ich mein Kind nicht mehr erreichte"

Als der Sohn unserer Autorin Marie Heuber mit dem Abi fertig war, wurde der Sport sein Zufluchtsort. Weil er Bestätigung suchte, gegen die Leere in seinem Inneren.

Das Gym und der daran hängende Wahnsinn kroch gefühlt über Nacht in unser Leben. Mein Sohn Luuk, gerade 18, mit dem Abi fertig und frisch getrennt, hatte eine neue Leidenschaft. Fortan war er keinen Abend mehr zu Hause, sondern täglich mindestens drei Stunden im Fitnessstudio. In unseren Kühlschrank zogen Paletten an Magerquark und Proteinriegel ein, ins Regal ein Bottich Proteinpulver und Döschen mit Kreatin. Der Sohn kochte plötzlich selbst für sich, aß allein im Zimmer.

Pubertät halt, dachte ich als Mutter, schleppte fortan Riesentaschen an Gemüse und Steaks an, die in kürzester Zeit weggegessen wurden. Ich musste nun Post-its an Lebensmittel heften, um Zutaten für die restliche Familie zu sichern. Ansonsten: zehn Eier gekauft – weg! Ich war genervt, unsere Gespräche zäh. Sein Alltag bestand aus festen Essenszeiten, exakt definierten Mahlzeiten ohne Zucker und kaum Fett sowie Podcasts mit Bodybuildern, deren Regeln strikt befolgt wurden. Seine Helden waren nun Sport-Influencer mit Körpern, die aussahen wie von KI entworfen. Zu unserem Essen verzog er angewidert das Gesicht. Auch sonst schien alles, was Luuk einst gemocht hatte, belanglos geworden zu sein.

«Immerhin: Sport ist seine Droge»

«Immerhin ist Sport seine Droge. Könnte schlimmer sein», sagte mein Mann. Doch unser Sohn zog sich immer mehr zurück. An sich wollte Luuk nach dem Abi reisen, nun saß er im Gym, joggte zehn Kilometer am Tag und mutierte zu Popeye. Erstmals fühlte ich als Mutter, dass ich mein Kind nicht mehr erreichte.

Nach zehn Monaten, er konnte nun 100 Kilo «drücken», begann sein Körper zu rebellieren: Magenschmerzen, Durchfall. Der Arzt stellte fest: überlastete Nieren. Außerdem warnte er davor, dass dauerhaft zu viel Kreatin im Körper zu Magen-Darm-Beschwerden, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Störungen führen könne. Geändert hat unser Sohn danach nicht viel. Erst kurz vor Studienstart mit neuem Fokus verschwand die Ausnahmezeit so überraschend, wie sie gekommen war.

Heute nennt Luuk als Hauptgrund für den Ausstieg, dass es ihn irgendwann nur noch belastet habe, sich nie gut genug zu fühlen. Der ewige Vergleich mit besseren, schöneren Körpern hatte sein Selbstbewusstsein trotz stetigem Muskelwachstum immer weiter sinken lassen. Wie so viele Phasen vom Baby bis zum Erwachsenen ging auch diese vorbei. Für mich war sie die heftigste. Wenn ich heute an seinem alten Gym vorbeilaufe, spüre ich immer noch dieses Gefühl: pure Erleichterung, dass es nun vorbei ist.

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