Oskar Holzberg über die Frage, ob es so etwas wie ein «wahres Selbst» gibt.
Die Aufforderungen an uns alle sind unüberhörbar: «Sei du selbst!», «Werde, wer du bist!». Dahinter steht letztlich immer die Botschaft, das Beste aus uns zu machen. Und der Weg dahin scheint darüber zu gehen, dass wir uns frei machen von allen Erwartungen und Vorgaben. Und uns stattdessen zur vollen Blüte bringen. Eine verheißungsvolle Vorstellung, oder? Wir finden uns selbst, und dann geht alles – wie von selbst. Einmal entdeckt, müssen wir unseren Stärken und Fähigkeiten einfach unbeirrbar folgen.

© Christian Kerber
Die Vorstellung, dass es in uns ein wahres Selbst gibt, das wir nur verwirklichen müssen, ist verlockend. Würden sich doch mit einem Schlag alle Fragen nach dem richtigen Leben und den besten Entscheidungen lösen. Nur ist die Existenz des wahren Selbst umstritten. Aber «selbst», wenn wir annehmen, dass es in uns existiert: Woher wissen wir dann, dass wir wirklich uns selbst entdeckt haben? Glauben wir jenen, die vorgeben, Zugang zu tieferem esoterischen Wissen zu haben? Oder denen, die sich therapeutisch geklärt fühlen und kopfschüttelnd auf alle noch nicht Durchtherapierten schauen? Auch bei anderen wissen wir nicht, woran ihre Selbstverwirklichung zu erkennen ist.
Fremdbestimmung vs. Selbstverwirklichung
Was wir an uns und anderen dagegen relativ sicher beurteilen können, ist das Gegenteil der Selbstverwirklichung: die Fremdbestimmung. Wenn wir angepasst leben und alles erfüllen, was unsere Eltern, Freundinnen und Freunde, die Gesellschaft von uns erwarten. Wenn unsere Ziele sich allein im Erfolg oder im angesagten Outfit erschöpfen. Wenn wir uns danach ausrichten, zu besitzen, was andere haben. Zu denken, was andere meinen. Und uns endlos ablenken, mit Alkohol, Internet, Fitnessstudio.
Schon in der Antike forderten die Weisen: Erkenne dich selbst! Wenn wir uns dafür gar keine Zeit nehmen und keine Energie darauf verwenden, dann bleiben wir uns fern. Den Ruf danach, uns selbst zu verwirklichen, beantworten wir dann lediglich damit, gegenüber der Welt besonders gut dazustehen.
Eine unlösbare Frage
Tatsächlich können wir wohl die Frage, wann wir wirklich wir selbst sind, letztlich nicht lösen. Selbstfindung scheint kein erreichbares Ziel, sondern ein unendlicher Prozess zu sein. Herausfordernde Lebenssituationen und die Rückmeldungen unserer Partner, Freundinnen oder Therapeuten stellen unser Selbstbild immer wieder infrage.
Daran wachsen wir. Indem wir immer wieder neu beantworten, wer wir sind und wer wir nicht sind. Und wohl letztlich weise akzeptieren, dass wir niemals eine endgültige Antwort darauf finden werden, wer wir wirklich selbst sind.
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