Gelassenheit: Kolumnistin und Psychotherpeutin Franca Cerutti und ihr direkter Draht zur "inneren Oma"

BRIGITTE-Kolumnistin und Psychotherapeutin Franca Cerutti erklärt, was wir der ständigen Unruhe entgegensetzen können. Und wie unsere innere Oma dabei hilft. 

BRIGITTE: Frau Cerutti, wenn ich die Nachrichten verfolge, scheint mir, dass Ruhe und Gelassenheit aktuell nicht sehr angesagt sind. 

Franca Cerutti: Das hat auch gute Gründe. Man spricht ja von einer Polykrise, die uns umgibt – politisch, gesellschaftlich, ökonomisch. Da prasselt vieles auf uns ein, und dank Social Media kann man dem auch kaum entgehen. Mein Eindruck ist aber, dass viele Menschen auf diese grundsätzliche Beunruhigung gerade mit Kontrollversuchen reagieren.

Wie meinen Sie das genau?

Alles geregelt bekommen, sich und seinen Körper optimieren – das scheint bei vielen eine innere Antwort zu sein auf die Unruhe, die sich breitmacht.

Wir wollen das Gefühl haben, etwas im Griff zu haben. Wenigstens irgendetwas.

Genau. Dazu kommt, dass wir generell in einer Anstrengungskultur leben, die Ruhe oder Gelassenheit nicht honoriert.

Es gibt doch immer Wichtigeres zu tun, oder?

Ich bin mit Sätzen aufgewachsen wie «Du darfst deine Zeit nicht verplempern!».

Ohne Fleiß kein Preis – noch so ein Satz, den wohl viele kennen.

Am besten stehst du um fünf Uhr auf, badest in Eiswasser und trinkst Zitronenwasser, bevor du auf der Toilette warst – das bringt dich weiter. Die Frage ist nur: Wohin denn? Und warum denn eigentlich? Was Menschen nachweislich und nachhaltig zufrieden macht, ist die Verbindung mit anderen und mit sich selbst. Das kommt in unserer leistungsorientierten «Hustle Culture» aber nicht wirklich vor.

Gleichzeitig sehnen wir uns mehr denn je nach Muße. Wie können wir uns denn ein Stück weit rausziehen aus diesem «Hustle», dieser Hetze?

Ein erster, ganz pragmatischer Schritt könnte sein, meine Nachrichtenkanäle zu minimieren. Wenn ich mich auf Social Media aufhalte, kann ich mir auch klarmachen, an welchen Standards ich mich hier gerade messe – mit den superduper Müttern, deren Veranda immer jahreszeitlich adäquat dekoriert ist, aus deren echtem Leben ich aber nur perfekt kuratierte Ausschnitte zu sehen bekomme? Kein Wunder, dass mich das total anstrengt.

Woran sollten wir uns stattdessen orientieren?

Die meisten Menschen erleben es als befreiend, wenn sie ergründen dürfen, was denn eigentlich ihre eigenen Werte und Ziele sind. Wenn ich das weiß, komme ich aus dem ständigen Abgleich raus.

Eine schöne Vorstellung, aber im vollgestopften Alltag bekommt man doch zwangsläufig so einen Tunnelblick.

Das stimmt, der Blick auf mich selbst ist oft sehr verstellt oder verengt, den gilt es erst mal wieder freizuräumen.

Wie kann ich das schaffen?

Indem ich zum Beispiel in der dritten Person von mir spreche.

O. k. …?

Klingt merkwürdig, hilft aber nachgewiesenermaßen. Menschen, die in Stresssituationen mit sich selbst in der dritten Person sprechen, denken klarer, verhalten sich besonnener, fühlen sich weniger überwältigt. Weil sie plötzlich Distanz gewinnen.

Sie sagen also etwa: Franca setzt sich gerade unter Druck?

Genau. Es geht darum, aus der Verstrickung mit den eigenen Gedanken für einen Moment aktiv herauszutreten. Wenn ich die Perspektive noch weiter aufspannen möchte – Achtung, jetzt wird es noch etwas verrückter – frage ich mich: Was würde meine innere Oma dazu sagen?

Dieser «inneren Oma» haben Sie gleich ein ganzes Buch gewidmet. Wer ist das, und wo kommt sie her?

Am Anfang stand der gedankliche Austausch mit meiner Mutter, die früh verstorben ist – ich habe mich oft gefragt, wie sie auf mein Leben blicken würde. Diese Außenperspektive einer Person, die mich extrem gut kennt und nur mein Allerbestes will, ist sehr wertvoll für mich geworden. Und dann gibt es in der Psychologie das Konzept des «Zukunfts-Selbst», heißt: Ich verbinde mich mit dem Menschen, der ich mal sein werde, schaue sozusagen vom Lebensende auf meine jetzige Situation.

Buchcover "Die innere Oma" von Franca Cerutti
Franca Ceruttis neues Buch «Die innere Oma – Gelassenheit lernen von der weisesten Version deiner selbst» (272 S., 18 Euro, Piper) ist am 4. September erschienen.

Meine «innere Oma» ist also die ältere, weisere Version meiner selbst, die ich um Rat frage. Meine sitzt tatsächlich mit Kaffeepott und selbst gestrickten dicken Socken im Therapeutinnen-Sessel. Aber Ihre kann völlig anders aussehen. Es muss nicht mal zwingend eine Oma sein, wenn Ihnen diese Vorstellung nicht gefällt. Wichtig ist, dass Sie ein stimmiges Bild von diesem «Zukunfts-Selbst» entwickeln – so kann es ein Anker werden, der Sie erdet, ein Kompass, nach dem Sie sich ausrichten können. Denn die innere Oma ist abgeklärt in bester Art und Weise: klar, ruhig, gelassen, nicht mehr so leicht irritierbar. Sie hat ja schon alles gesehen, alles erlebt. Sie bringt Ruhe rein.

Und was mache ich dann genau mit der Oma in mir?

Es gibt Übungen, die dabei helfen, dieses «Zukunfts-Selbst» zu imaginieren und zu befragen; mit der Zeit geht das immer automatischer. Ich konsultiere meine innere Oma regelmäßig, wenn ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe.

Aber die vielen Alltags-To-dos, die uns die Ruhe rauben, bleiben doch.

Auch da kann sie sehr helfen. Wie oft machen wir uns verrückt wegen Dingen, die am Ende keine Rolle spielen werden. Konflikte mit Menschen, deren Namen ich in drei Jahren nicht mal mehr kennen werde. Ob das Frühstücksbrot meiner Kinder vollwertig genug ist. An so etwas können wir uns unglaublich abarbeiten, Tag für Tag. Oder wir können es lassen.

Und das «Zukunfts-Selbst» sortiert das mit uns zusammen?

Gelassenheit kommt von lassen. Das vergessen wir nur allzu oft. Gut, wenn uns jemand daran erinnert – und die richtigen Fragen stellt: Zahlt das gerade auf das Leben ein, das du dir wünschst? Ist das wirklich wichtig – und tatsächlich DEINE Verantwortung? Und die Oma ist so klug, dass sie weiß: Hinter unserer Ruhelosigkeit stecken oft noch ganz andere Themen.

Zum Beispiel?

Perfektionismus.

Warum ist der so Unruhe stiftend?

Weil er oft eine Vermeidungsstrategie ist. Eine Reaktion auf Unsicherheit oder Ängste, abgehängt zu werden, abgewertet zu werden. Weil sie uns so verdammt gut kennt, kann uns die innere Oma auch da auf die Schliche kommen. Uns klarmachen, wo wir unseren Stress vielleicht größer machen, als er sein müsste.

… und wo etwas schon gut genug ist.

Mein Lieblingswort in diesem Zusammenhang ist «halbärschig» – etwas mit einer Pobacke erledigen. Dinge sollten die Energie bekommen, die sie verdienen, aber auch nicht mehr. Wir müssen nicht bei allem mit vollem Herzen dabei sein.

Und dann fühlen wir uns doch wieder unproduktiv und unruhig, wenn wir mal einen Tag auf dem Sofa verdaddeln …

In der Natur, bei allen Lebewesen, wechseln sich Anspannung und Entspannung, Aufregung und Ruhe ab, aber wir Menschen gestehen uns diesen Rhythmus kaum noch zu. Erholen darf sich maximal, wer sich vorher total kaputt gearbeitet hat. Dabei ist Erholung eigentlich die Grundvoraussetzung für Leistungsfähigkeit.

Je gehetzter ich bin, desto weniger erlaube ich mir ein Innehalten – obwohl wahrscheinlich gerade das wieder die nötige Energie bringt. Wie kommen wir aus diesem Erledigungsmodus, aus diesem dauerhaften „Müssen» heraus?

Mein erster Tipp ist, auf Wortebene zu beginnen: Ich MUSS nicht zum Friseur, ich MÖCHTE oder MAG. Das macht schon einen riesigen Unterschied und fühlt sich ganz anders an. Denn wer zwingt uns dazu?

Na ja, manchmal MUSS ich doch durchaus was – Geld verdienen zum Beispiel, für mich und meine Kinder.

Das Zukunfts-Ich ist auch keine Anarchistin, die sagt: Kündige deinen Job und mach nur noch, wonach dir der Sinn steht. Aber vieles ist durchaus unsere freie Entscheidung – und die dürfen wir auch so benennen. So entsteht Raum im Kopf und im Leben. Ich habe mal mit dem Gedanken gespielt, noch eine Doktorarbeit zu beginnen. Und da hat die Oma gefragt: Musst du das wirklich haben? Oder willst du das nur machen, weil du vor anderen akademisch toll dastehen willst? Ich hab’s gelassen.

Autsch. Sind nicht immer angenehme Dinge, die die Oma so raushaut.

Nein, und vielen fällt es auch erst mal nicht leicht, sich überhaupt auf dieses Gedankenexperiment einzulassen, weil es ja auch darum geht, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken: Wer willst du am Ende gewesen sein? Da gibt es erst eine innere Sperre zu überwinden, aber genau das ist der Schlüssel.

Weil es um Prioritätensetzung geht?

Viele Menschen versuchen, Gelassenheit zu erzielen, indem sie sich eine gesunde Morgenroutine zulegen, Yoga machen, sich alles Mögliche als Stundenplan auferlegen. Nichts gegen Yoga, aber echte Gelassenheit spielt sich im Inneren ab. Sie ist eine Frage der Haltung. Und die für uns passende Haltung können wir nur finden, wenn wir auch die unbequemen Themen nicht ausklammern, sondern uns sogar daran orientieren.

Jetzt hätte ich fast gesagt, wir müssen langsam zum Ende kommen – da ist es wieder, dieses Müssen … Also: Wir dürfen zum Ende kommen.

Ja, das dürfen wir.

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