Bambi-Reflex: Was wirklich hinter People-Pleasing stecken kann

Wir lesen aktuell viel über People-Pleasing, über Menschen, denen es schwerfällt, Nein zu sagen und für ihre Bedürfnisse einzustehen. Eine Therapeutin erklärt, was vermutlich bei vielen dieser Personen dahintersteckt – der sogenannte Bambi-Reflex.

Eine Freundin fragt dich, ob du heute Abend spontan mit ihr ins Kino gehen möchtest, weil sie eine Karte übrig hat. Die Antwort lautet eindeutig «Nein», aber du traust dich nicht so recht, ihr das zu sagen. Du willst sie schließlich nicht alleine mit ihren Kinokarten sitzen lassen – nachher ist sie noch sauer auf dich. Solche oder ähnliche Situationen kommen dir bekannt vor? Dann neigst du vielleicht zum People-Pleasing.

So geht es vielen von uns, auch wenn es uns häufig gar nicht bewusst ist. Wir haben Schwierigkeiten damit, Nein zu sagen, wenn wir etwas nicht möchten. Lieber ignorieren wir unser Störgefühl und unsere eigenen Bedürfnisse, als eine andere Person vor den Kopf zu stoßen. Laut der Therapeutin Cheryl Groskopf kann hinter diesem Verhalten aber auch etwas Tieferes stecken, wie sie auf «mindbodygreen» verrät, nämlich der sogenannte Bambi-Reflex.

In Extremsituationen reagiert unser Nervensystem entweder mit der «Fight»-Antwort, geht also in den Kampf, mit der «Flight»-Antwort, möchte flüchten, mit der «Freeze»-Antwort, erstarrt, oder mit der «Fawn»-Antwort, auf Deutsch auch Bambi-Reflex genannt. Letztere ist passiver, wir versuchen unbewusst, die mögliche Bedrohung zu besänftigen, indem wir uns unterordnen. Wir wollen um jeden Preis den Frieden wahren, um die Gefahr zu bannen. Dieser Modus zeigt sich häufig in People-Pleasing-Tendenzen, die wir meist schon in der Kindheit als Strategie verinnerlicht haben.

Bambi-Reflex: Unterordnen als Überlebensmodus

Cheryl Groskopf nennt vier Beispielsituationen, in denen Kinder häufig mit dem Bambi-Reflex reagieren:

1. Konfliktvermeidung

«Der primäre Zweck einer Trauma-Reaktion besteht darin, sich zu schützen», erklärt die Therapeutin. «Kinder versuchen häufig, sich zu schützen, indem sie durch gutes Benehmen Konflikte vermeiden. Denn wenn ein Kind sich schlecht benimmt, könnte das eine Strafe zur Folge haben.» Wenn Kinder also lernen, dass es für weniger Konflikte sorgt, wenn sie «das gute Kind» sind oder «das Kind, dem es immer gut geht», dann können sie diese Taktik mit ins Erwachsenenalter nehmen.

Bei Erwachsenen könnte das laut Groskopf folgende Verhaltensweisen mit sich bringen:

  • Andere ständig mit Samthandschuhen anfassen, auch in Situationen, in denen es gar nicht nötig wäre.
  • Die eigenen Gefühle nicht kommunizieren, aus Angst, ausgeschlossen zu werden.

2. Die Bedürfnisse der Eltern erfüllen anstatt umgekehrt

Laut Cheryl Groskopf müssen alle Kinder ein Stück weit auf die Bedürfnisse ihrer Eltern eingehen – schlicht und einfach, damit diese die Bedürfnisse der Kinder überhaupt sehen und verstehen. Wenn ein Baby Schmerzen hat, findet es beispielsweise vermutlich recht schnell heraus, dass es mit Schreien die Aufmerksamkeit seiner Eltern erhält.

Bestrafen Eltern ihr Kind jedes Mal, wenn es nicht tut, was sie wollen, dann wird das Kind langfristig von dieser Erfahrung beeinflusst. «Wenn eine Mutter ihrem Kind beispielsweise die kalte Schulter zeigt, wenn es sie nicht ständig bestätigt und ihr ein gutes Gefühl gibt, dann verinnerlicht das Kind das.» Das Kind werde also vermutlich alles versuchen, um die Bedürfnisse der Mutter zu erfüllen. Denn abgewiesen zu werden, gehöre zu den traumatischsten Erfahrungen, die ein Kind machen kann.

3. Den Vermittler spielen, um die Umgebung berechenbar zu machen

«Unser Gehirn liebt Vorhersehbarkeit», erklärt die Therapeutin. «Der größte Feind für unser Hirn – und unsere Angst – ist das Unbekannte, wenn wir Dinge nicht vorhersehen können.» Sie erklärt, dass einige Kinder bei Konflikten in ihrer Familie in die Vermittlerrolle geschlüpft sind, weil sie gelernt haben, dass sie so leichter den Frieden wahren und die Situation damit berechenbar gestalten konnten.

Im weiteren Verlauf unseres Lebens könnte sich diese Rolle weiterentwickelt haben: «Zum Beispiel als Klassenclown, um den Fokus von ‚gefährlichen‘ oder unangenehmen Themen wegzubringen und die Situation so wieder sicher zu machen.» Als Erwachsene könnte diese Person laut Groskopf womöglich häufig die Verantwortung für etwas übernehmen, das gar nicht ihre Schuld ist. Oder sich entschuldigen, obwohl sie nichts Falsches gemacht hat. Alles, um den Frieden zu wahren.

4. Die Bestätigung von anderen brauchen, um die eigene Wahrnehmung zu validieren

Wenn wir uns als Erwachsene von jemandem verletzt fühlen und die Person plötzlich uns die gesamte Schuld an der Situation gibt, kann das ganz schön verwirrend sein. Wie verwirrend muss so etwas dann erst für ein Kind sein, das noch nicht so sicher in seiner eigenen Wahrnehmung ist?

Groskopf nennt ein Beispiel: «Stellen wir uns vor, ein fünfjähriges Kind bekommt einen Wutanfall, weil es sein Lieblingskuscheltier verloren hat.» Das möge im Großen und Ganzen nicht wie eine große Sache wirken, aber für dieses Kind sei es das auf jeden Fall. «Wenn der Elternteil darauf verständnisvoll und liebevoll reagiert und dem Kind das Gefühl gibt, dass seine Emotionen angemessen sind, fühlt sich das Kind sicher und akzeptiert.»

Wenn die Reaktion dem Kind allerdings eher das Gefühl gibt, es reagiere über, ist das überfordernd und verwirrend. «Das Kind nimmt dann vor allem mit, dass seine Gefühle ‚falsch‘ sind.» Und das kann wiederum dazu führen, dass diese Person sich auch im Erwachsenenalter schwer damit tut, die eigenen Gefühle als valide einzustufen und dafür ständig Bestätigung im Außen sucht.

Du erkennst dich in einer oder mehrerer dieser typischen Verhaltensweisen des Bambi-Reflexes wieder? Das Bewusstsein für die People-Pleasing-Tendenzen ist ein erster wichtiger Schritt. Wenn du aber das Gefühl hast, du kommst mit den Themen, die womöglich hinter den Mechanismen stecken, alleine nicht weiter, suche dir am besten Hilfe bei deiner Ärztin oder einem Therapeuten.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert