Wer wandelbar ist, gilt tendenziell als unehrlich und nicht authentisch. Aus psychologischer Sicht ist es allerdings gesund, unterschiedliche Rollen spielen zu können. Wie wir nach dem Chamäleon-Prinzip unsere Vielseitigkeit kultivieren.
«Ich habe dich kaum wiedererkannt, du warst ja gar nicht du selbst.»
Wenn wir uns ändern oder wandeln, kann das bei anderen Menschen mitunter Irritation oder Empörung auslösen. Schließlich ist es unbequem, das Bild, das man von einer Person hat, anzupassen und zu erweitern – soll doch bitte jeder Mensch immer schön in der einen Schublade bleiben, die man ihm zugewiesen hat. In der Psychologie gilt es allerdings nicht nur als natürlich, dass wir unterschiedliche Rollen spielen, sondern als gesund: Laut Studien kann es Resilienz fördern, ein flexibles, vielseitiges Selbst zu kultivieren, ebenso wie Kreativität.
Chamäleon-Prinzip: Unterschiedliche Situationen erfordern verschiedene Aspekte unseres Selbst
Typischerweise wechseln wir in unserem Leben zwischen teilweise völlig verschiedenen Bereichen: Arbeit, Familie, Freundeskreis, Laufgruppe, Kegelverein, Kleingartenclub, Töpferkurs. In jedem dieser Bereiche müssen wir uns an die jeweiligen Umstände und Anforderungen anpassen, die an uns gestellt werden, eine andere Rolle einnehmen. In der Sprachwissenschaft heißt dieses Phänomen Code-Switching: Mit unserer Chefin sprechen wir anders als mit unserer Schwester.
In der Persönlichkeitspsychologie geht man davon aus, dass unsere Identität aus mehreren unterschiedlichen Selbst-Aspekten besteht, damit wir in den jeweiligen Bereichen angemessen agieren können: Wir sind Tochter, Freundin, Gärtnerin, Kollegin. Während wir als Tochter frech und launisch sein können, erlebt uns unsere Freundin vielleicht als geduldig und empathisch, unsere Gartennachbarin als leidenschaftlich und entspannt und unsere Vorgesetzte als diszipliniert und zuverlässig. Unsere Selbst-Aspekte können geradezu widersprüchlich sein, trotzdem ergeben sie erst zusammen ein Ganzes, unsere Identität. Profitieren können wir davon laut Studien mindestens in zweifacher Weise.
Warum Menschen mit mehreren Selbst-Aspekten resilient sind
Laut einer älteren Studie von Psycholog:innen der Princeton-Universität sei die Komplexität unserer Identität eine wichtige Säule von Resilienz und psychischer Gesundheit. Bricht etwa einer unserer Lebensbereiche weg oder bereitet uns Probleme – zum Beispiel unser Job –, erschüttert das nicht unsere ganze Identität, sondern nur einen ihrer Selbstaspekte, den der Kollegin. Zwar wird das uns als einer vollständigen organischen und seelischen Einheit belasten und unser Selbst als Ganzes schwächen, doch wir können Halt in den übrigen Aspekten unserer Identität finden. Es bleiben genügend Aspekte übrig, die unsere Identität tragen, sodass wir uns nicht völlig neu erfinden und aufbauen müssen.
Davon abgesehen kann es in neuen Situationen oder Herausforderungen Vorteile für uns mit sich bringen, wenn wir unterschiedliche Selbst-Aspekte haben und kultivieren: Es macht uns flexibler, weitet unser Repertoire an möglichen Verhaltensweisen. Wenn uns zum Beispiel jemand angreift oder unfair behandelt, könnte es von Nutzen sein, in unserer Rolle als freche Tochter reagieren zu können, und nicht auf die der verständnisvollen Freundin reduziert zu sein. Wenn wir im Job ein schwieriges und langwieriges Projekt zu erledigen haben, können wir es vielleicht mit der Leidenschaft unseres Gärtnerin-Selbst-Aspekts angehen.
Wie die Vermischung von Selbst-Aspekten Kreativität fördern kann
Laut einer Studie von 2024 können wir zudem davon profitieren, wenn wir unsere verschiedenen Selbst-Aspekte nicht strikt voneinander trennen und auf die ihnen zugewiesenen Bereiche beschränken, sondern sie als dynamische Potenziale verstehen, die immer da sind und zum Vorschein kommen können, wenn sie gebraucht werden. So kann es, wie gesagt, im Job hilfreich sein, eine leidenschaftliche Begeisterung an den Tag zu legen, wie wir sie üblicherweise vor allem in unseren Hobbys zeigen. Freundschaftliche Empathie kann unser berufliches Umfeld ebenso bereichern, und Disziplin und Organisationstalent unseren Freundeskreis.
Laut neurologischen Untersuchungen haben wir kreative Ideen in der Regel dann, wenn wir vermeintlich unabhängige Informationen oder Impulse miteinander in Verbindung bringen: Wenn uns zum Beispiel bei einem handwerklichen Problem und fehlendem Werkzeugkasten eine Geschichte einfällt, die wir gelesen haben, in der jemand einen Knochenbruch provisorisch versorgt hat, weil die entsprechende Ausstattung fehlte – und daraufhin selbst eine Lösung improvisieren. In ähnlicher Weise können wir kreative Ansätze finden, wenn wir es schaffen, unsere Selbst-Aspekte miteinander kommunizieren zu lassen: Die Tochter darf der Kollegin reinreden ebenso wie die Freundin der Gärtnerin. Auf diese Weise kann unser Selbst sogar wachsen, es können neue Aspekte entstehen, die uns noch einmal flexibler und stabiler werden lassen können.
Manchmal mögen wir uns zwar wünschen, dass wir und andere Menschen eindimensional, unbeweglich und einfach wären. Doch unsere Stärke, scheint es, liegt genau darin, dass wir es nicht sind.
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