Drei Gründe: Warum sich intelligente Menschen oft besonders dumm vorkommen

Eine hohe Intelligenz ist nicht immer leicht zu erkennen – weder von außen noch von innen. Drei Gründe, warum besonders schlaue Menschen in unserer von Extrovertierten beherrschten Welt mitunter ausgesprochen dumm dastehen können.

Meine Mathehölle sah anders aus als die der meisten Menschen: Sie begann direkt nach der Klausur, wenn alle in der Pause ihre Ergebnisse verglichen, gipfelte in dem Moment, da die Lehrkraft vor der Rückgabe den Notenspiegel an die Tafel schrieb, und endete, als wir mit ungefähr 14 endlich alle alt und reif genug waren, um uns für die wichtigen Dinge des Lebens zu interessieren, statt für Mathezensuren – wer wann sturmfrei hat und wie viel Ananassaft man braucht, damit man den Malibu im Glas nicht herausschmeckt. 

Mein Höllenfeuer bestand darin, dass ich oft in den letzten Aufgaben der Arbeit zu einer anderen Lösung kam als der Rest der Klasse, was aus meiner Sicht nur einen Schluss zuließ: Ich habe mich verrechnet, eine Eins ist ausgeschlossen. Erdrückend heiß wurde es dann, wenn die Lehrkraft am Tag der Rückgabe eine einzige Eins an die Tafel schrieb und die ungünstiger Weise unter meiner Klausur auftauchte. Was haben sich meine Klassenkameraden aufgeregt. Nicht darüber, dass ich die beste Zensur hatte: Geärgert hat sie, dass ich vorab verkündet hatte, ich hätte sicher nicht die beste Note. Dabei glaubte ich das selbst, weil ich als Jüngste von vier Geschwistern verinnerlicht hatte, dass andere Menschen es grundsätzlich besser wissen als ich. Dass ich gut in Mathe sein könnte, kam mir lange Zeit überhaupt nicht in den Sinn.  

Was ich mit dieser Anekdote illustrieren möchte, ist, dass es unheimlich schwer sein kann, ohne psychologisch geprüfte Tests, die Denkleistung(sfähigkeit) einer Person zu beurteilen – sowohl die eigene als auch die von anderen Personen. Wir gehen davon aus, dass andere Menschen ähnlich denken (können) wie wir, und wenn jemand – oder wir selbst – offensichtlich von der Mehrheit abweichen, erwarten wir von dieser Person irgendwelche übermenschlichen Superkräfte wie ein enzyklopädisches Gedächtnis, die sie als abweichend befähigt zu erkennen geben. In der Realität zeigt sich Intelligenz allerdings nur selten in unübersehbaren Superkräften, sondern äußert sich oft in unscheinbaren Verhaltensweisen, die insbesondere in unserer lauten, extrovertiert dominierten Welt wie Schwächen aussehen können.

Warum intelligente Menschen manchmal sehr dumm dastehen

Sie brauchen oft lange, um zu antworten

Eine hohe Intelligenz verbinden wir mit einer schnellen Auffassungsgabe, einer schnellen Verarbeitung von Informationen, einer schnellen Lösungsfindung – kurzum: Mit Schnelligkeit. Aus diesem Grund wirkt eine Person, die lange nachdenkt, ehe sie etwas sagt, tendenziell weniger intelligent: Offenbar braucht sie mehr Zeit als andere Menschen, um die verfügbaren Informationen aufzunehmen und zu sortieren.

Einerseits stimmt es laut Hirnscan-Studien, dass besonders leistungsstarke Gehirne gewisse Prozesse in höheren Geschwindigkeiten abspielen als durchschnittliche. Andererseits unterscheiden Wissenschaftlerinnen mittlerweile mindestens zwei verschiedene Denkweisen, die in unserem Gehirn wirken können: Eine schnelle, intuitive und eine langsame, analytisch-rationale. Während alle Menschen über diese beiden Modi verfügen, zeichnen sich einer Meta-Analyse von 2022 zufolge außerordentlich intelligente Personen dadurch aus, dass sie, wenn es darauf ankommt, der langsamen Denkweise den Vorzug einräumen: Statt naheliegend intuitiv zu antworten, misstrauen sie dem schnellen Impuls und führen eine rationale Prüfung durch – die häufig zu anderen, umfangreicheren Sichtweisen und Schlüssen führt. 

Sie wirken meinungsschwach

Generell funktionieren unsere Gehirne binär: Wir denken in Gegensätzen wie hell und dunkel, gut und schlecht, richtig und falsch. Darüber hinaus haben wir ein starkes Bestreben nach Klarheit und Eindeutigkeit: Wir wollen Dinge einordnen und abhaken. Deshalb bilden sich Menschen gerne einfache Meinungen: Eine Freundin von mir findet zum Beispiel Hinterfragen gut und Bestätigen schlecht. 

Für überdurchschnittlich leistungsstarke Gehirne gelten zwar dieselben Regeln, allerdings können sie laut einer Studie von 2023 Ambiguität und Widersprüchlichkeit besser aushalten. Besonders intelligente Menschen fühlen sich nicht dazu gedrängt, Skepsis als gut einzuordnen und Zuspruch als schlecht, sondern beides erst einmal nebeneinander stehen lassen und letztlich sogar zu dem Schluss kommen, dass sowohl das eine wie das andere gut und schlecht sein kann. Das eröffnet zwar viel Freiheit und eine differenzierte Sichtweise, wirkt aber oft unentschlossen, inkompetent und unsicher.

Sie spielen vergangene Gespräche und Zukunftsszenarien in ihrem Kopf durch

Über Gewesenes nachzugrübeln oder alle möglichen Ereignisse zu zerdenken, die auf uns zukommen könnten, kann ein Symptom von erhöhtem Angstempfinden sein. Wie der Psychologe Mark Travers in einem «Psychology Today»-Beitrag schreibt, sei es auch für sehr intelligente Menschen typisch, dass sie vergangene Situationen nachträglich durchgehen und künftige Szenarien kognitiv durchspielen. Ihm zufolge kreisen ihre Gedanken dabei nicht unkontrolliert wie bei Angstgetriebenen, sondern bereiten gezielt nach beziehungsweise vor: Sie verhelfen zu tieferem Verständnis, indem sie verschiedene Interpretationen prüfen, oder führen zu klugen Plänen und Vorgehensweisen basierend auf einer Prüfung unterschiedlicher Möglichkeiten. 

Warum abweichende Lösungen immer interessant sind

Nicht jeder Mensch, der zu nichts eine Meinung hat und lange braucht, um zu antworten, ist intelligent, und nicht jede intelligente Person spielt künftige Situationen häufiger als andere vorab in ihrem Kopf durch. Unsere geistige Leistungsfähigkeit ist nur eine der vielen, vielen Seiten unserer Psyche, und wie sie sich zeigt, kann sich von Individuum zu Individuum unterscheiden. Letztendlich ist aber nicht entscheidend, dass wir immer richtig beurteilen, wie intelligent wir oder andere sind: Wünschenswert wäre, dass wir als Gesellschaften lernen, uns für alle Sichtweisen zu interessieren, die vom mehrheitlichen Konsens abweichen – ohne dabei zu fragen und beurteilen zu wollen, ob sie ein überdurchschnittlich oder ein unterdurchschnittlich intelligentes Gehirn hervorgebracht hat. Wir wissen nicht, was für ein glückliches, friedliches, erfolgreiches Zusammenleben auf dieser Erde die wichtigste Zutat ist. Ohne die aktuelle Weltlage allzu negativ betrachten zu wollen: Der lauten, mehrheitsgetragenen Perspektive der Menschheit scheint das eine oder andere zu entgehen – vielleicht lässt sich aus einem stillen, unscheinbaren Blickwinkel an mancher Stelle mehr erkennen. 

Und selbst wenn nicht: Wir würden zumindest zahlreichen Kindern ihre persönliche Mathehölle ersparen.

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