Was passiert, wenn wir uns erlauben, nicht immer für andere da zu sein und unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen? Content-Creatorin und Autorin Silvi Carlsson hat es ausprobiert – und erklärt in ihrem Buch «Good Girl Exit», wie wir lernen, zu uns zu stehen.
BRIGITTE: Liebe Silvi, sind wir Frauen gar nicht so frei, wie wir glauben?
Silvi Carlsson: Frauen sind freier als früher, aber auf keinen Fall frei – man denke nur an die zahlreichen Femizide. Und obwohl es in den letzten Jahrzehnten viele Errungenschaften gab, hält die Good-Girl-Prägung uns klein und sorgt dafür, dass wir uns von uns selbst entfernen – bis hin zur Selbstaufgabe.
Du sagst, Frauen leben in einem Käfig aus gesellschaftlichen Erwartungen: Als «Good Girl» sollen wir vor allem für andere verfügbar sein. Was genau meinst du damit?
Die Good-Girl-Prägung ist ein Überlebensmechanismus, den wir im Laufe unserer Sozialisierung entwickelt haben. Schon als Mädchen werden wir darauf konditioniert, auf andere zu achten und Verantwortung für sie zu übernehmen. Das ist die Rolle, die wir erfüllen sollen, denn wenn wir diese kostenlose Arbeit nicht mehr machen, bricht das System zusammen. Deshalb müssen wir auch Konsequenzen fürchten, wenn wir von ihr abweichen.
Von welchen Konsequenzen sprichst du?
Als Bindungswesen bleiben wir in der Good-Girl-Rolle, damit wir nicht verurteilt oder bestraft werden. Und das lernen wir nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern auch durch Beobachtung. Wenn wir sehen, was Frauen passiert, die diese Rolle nicht erfüllen, erkennen wir: Wenn ich anecke, kann es sein, dass ich ausgeschlossen werde und nicht mehr so viele Chancen habe. Dieser Mechanismus hält uns davon ab, zu uns und unseren Bedürfnissen zu stehen. Bei prominenten Frauen können wir das wie durch ein Brennglas beobachten.
An wen denkst du zum Beispiel?
In meiner Generation war das Britney Spears. An ihr konnten wir sehen, wo es hinführt, wenn wir die Rolle des Good Girls nicht mehr ausfüllen. Britney wollte irgendwann raus aus der Rolle, die sie eine Zeit lang perfekt gelebt hat, und das wurde von Medien und Gesellschaft ganz hart bestraft. Wie ihr geht es vielen Frauen in der Öffentlichkeit.
Warum sind wir trotzdem nicht einfach «böse», und lassen uns stattdessen die Zornesfalte wegspritzen? «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin», heißt es doch.
Das liegt auch an der Gender-Scham, die wir auferlegt bekommen, wenn wir zu weit von unserer Rolle abweichen.
Das musst du bitte erklären.
Das können schon kleine Bemerkungen sein, etwa, wenn Frauen in festen Beziehungen gefragt werden, ob sie denn kein Kind wollen. Solche Erwartungshaltungen schwingen immer mit, selbst bei mir. Die Stimme, die uns von außen als Frau beurteilt, wird irgendwann zu unserer eigenen Stimme. Das Problem an der Gender-Scham ist: Ich kann mich zwar schämen für Dinge, die ich falsch gemacht habe, aber nicht für das, was ich bin. Ich kann nichts an meiner Identität oder meiner Persönlichkeit ändern. Daher ist diese geschlechtsspezifische Scham ein mächtiges Werkzeug, um uns im Good-Girl-Gefängnis zu halten. Das fängt bei der Periode an und hört noch lange nicht bei der Cellulite auf. Aus der Scham heraus, die uns auferlegt wird, verwenden wir teure Cremes oder lassen sogar Schönheitseingriffe machen.
Halten wir Frauen dieses System also auch selbst mit am Leben?
Als Jugendliche habe ich diese Scham sogar auf meine Mutter übertragen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich nicht ordentlich genug rasiert hat, weil ich dachte: Oh Gott, die hat das nicht mitbekommen, das ist voll peinlich! Das ist mir aber nicht bewusst passiert. Deshalb ist es gut, sich auch selbst zu hinterfragen: Was ist eigentlich mein Part an dem Ganzen?
Und wie können wir aus dem Good-Girl-Gefängnis ausbrechen?
Mein persönlicher Gamechanger war das Konzept «Decentering Men», also Männer aus dem Zentrum zu rücken. Wir lernen ja früh, alles durch die männliche Brille zu betrachten, und ich habe gemerkt, dass ich so auch auf mich selbst geschaut habe – auf meinen Körper, wie ich im Raum bin, wie ich agiere und so weiter. Das zu verlernen, ist krass wichtig für mich gewesen. Diese Brille abzusetzen und mich zu fragen: Was ist meins und was wurde mir beigebracht? Was brauche ich eigentlich, um happy zu sein? Wem bringt es was, dass ich diese Selbstaufgabe betreibe? Wovon hält es mich ab? Und vor allem: Für wen lebe ich eigentlich?
Ich hatte einfach keinen Bock mehr, ständig über Männer zu reden.
Wie bist du das konkret angegangen, Männer zu dezentrieren?

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Ich habe ein Jahr komplett Detox gemacht – keine Männer gedatet, keine romantischen Lieder konsumiert, keine Romance-Filme geguckt, keine Romance-Bücher gelesen. Ich hatte einfach keinen Bock mehr, ständig über Männer zu reden. Selbst in Freundschaften ist es immer wieder Thema, wie das Dating läuft oder was am Partner gerade toll oder nervig ist. Wenn man mal realisiert, wie viel es wirklich um Männer geht, macht man automatisch den ersten Schritt, um sie von ihrem Podest zu stoßen und sie nicht mehr für die banalsten Sachen zu beklatschen: Wow, er passt aufs Kind auf, ist ja der Wahnsinn!
Was raten Sie Frauen, die nicht ein Jahr lang Männer detoxen wollen?
Sich bewusst zu machen, wie viel Energie es kostet, jeden Tag diese Good-Girl-Arbeit zu leisten: den Raum zu scannen, Emotionen zu lesen, immer alles voraus- und jeden mitzudenken, die Geburtstagsgeschenke zu besorgen – übrigens nicht nur in familiären Kontexten, auch auf der Arbeit.
An Geburtstage zu denken, ist auch schön.
Das sind total schöne Eigenschaften, aber wenn wir uns selbst dabei vergessen, haben wir ein Problem. Good Girls denken, sie seien egoistisch, wenn sie Grenzen setzen. Aber ich sage, wir müssen egoistischer werden. Wir sollten auch schauen: Was sind meine Bedürfnisse, wo sind meine Grenzen und was mache ich mir durch meine Good-Girl-Prägung eigentlich alles kaputt? Und das sollten wir unbedingt kollektiv tun – wie die Frauen in Island, die am 24. Oktober 1975 gemeinsam ihre Arbeit und Sorgearbeit niederlegten, um der Welt zu zeigen, wie unverzichtbar ihre Leistung für die Gesellschaft ist.
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