Integrative Intelligenz: Diese Fähigkeit macht dich zu einem unnachahmlichen Denker

Ein hoher IQ erscheint heute längst nicht mehr so beeindruckend wie zuvor – schließlich kann ihn mit der richtigen Software in der Tasche jeder Mensch faken. Was bleibt uns noch als Alleinstellungsmerkmal menschlicher Intelligenz? Eventuell hat der Psychologe Mark Travers unsere Autorin auf die Antwort gebracht.

Nicht, dass ich hier Panik schüren möchte, aber wir stecken in einem Schlamassel. Ich rede nicht von der Klimakrise. Nicht vom Rechtsruck und der Spaltung unserer Gesellschaften. Ich denke auch nicht daran, dass Maschinen uns die Arbeit klauen – von mir aus können sie die gerne erledigen, während ich an der Ostsee Wellenhüpfen spiele. Der Schlamassel, der mich beschäftigt, ist die Identitätskrise, in die uns unsere geniale Technologie befördert hat. 

Informationen verarbeiten, Zusammenhänge analysieren, Regeln erkennen und anwenden, Vorhersagen treffen – all das, worauf wir jahrhundertelang so stolz waren, kann Software nach ein paar Jahren Entwicklung plötzlich besser als wir. In einem IQ-Test, in dem unsere brillantesten Köpfe unter besten Voraussetzungen vielleicht 99 Prozent erzielen könnten, würde eine gute KI locker auf 100 Prozent kommen, während sie nebenbei «Krieg und Frieden» liest.

Was machen wir nun? Uns auf unsere Empathie konzentrieren? Auf unsere soziale Intelligenz eingebildet sein? Dann müssten wir uns auf jeden Fall mit dem Golden Retriever messen. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Vielleicht können wir mit unserer Intelligenz doch noch etwas, das eine Software bislang nicht schafft: Die chaotische Welle der Unwahrscheinlichkeit vernünftig reiten.

Integrative Intelligenz: Wie entsteht eigentlich ein Geistesblitz?

Der US-amerikanische Psychologe Mark Travers befasst sich in einem Beitrag für «Psychology Today» mit einer ihm zufolge seltenen Form der Intelligenz, der sogenannten integrativen Intelligenz. Von einer integrativen Intelligenzleistung sprechen Kognitionsforschende, wenn eine Person zwei (oder mehr) Informationen beziehungsweise Impulse, die im Grunde nicht zusammenhängen, scheinbar zufällig oder willkürlich miteinander verknüpft und daraus etwas Vernünftiges zustande bringt. Wenn wir zum Beispiel ein Zelt aufbauen müssen und dabei plötzlich an etwas denken, das wir in einem Kochbuch gelesen haben, das uns die ideale Position für die Heringe finden lässt. Oder, ein bisschen weniger abwegig, wenn wir für die Lösung eines Konflikts im Büro mit einbeziehen, was wir vor einiger Zeit in einer Dokumentation über Wildgänse gelernt haben. 

Integrative Intelligenz wirkt wie ein Zufallsprodukt eines chaotischen, regierungslosen Kopfes, doch sie ist eher ein natürliches Ergebnis unserer komplexen, lange gewachsenen neurobiologischen Konstitution: Die ist nämlich hervorragend an Unordnung angepasst. So funktioniert unser Gehirn nicht immer in demselben Modus und nach den gleichen Regeln, sondern nimmt im Tagesverlauf unterschiedliche Zustände ein. Manchmal konzentrieren wir uns, denken rational, manchmal träumen wir vor uns hin, bekommen kaum mit, was in unserem eigenen Geist vor sich geht. Wir können schlafen und alles um uns herum an uns vorbei gehen lassen oder selbst leiseste Töne und feinste Gerüche wahrnehmen. 

Davon abgesehen sind stets völlig verschiedene Regionen mit spezifischen Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Intensität beteiligt und aktiv und steuern beständig Signale bei, die mal wichtiger, mal unwichtiger sind: Ein Part hat unseren Flüssigkeitshaushalt im Blick, ein anderer unsere moralischen Werte, ein dritter checkt, ob um uns herum etwas geschieht, über das wir uns aufregen müssten. 

Diese Eigenschaften unseres Gehirns – breit und vielseitig aufgestellt zu sein, unterschiedliche Funktionen gleichzeitig zu erfüllen, sich beständig zu aktualisieren und anzupassen – schaffen eine Voraussetzung dafür, dass es unwahrscheinliche Verknüpfungen und Zusammenhänge erstellen kann, die Essenz der integrativen Intelligenz. Dabei müssen wir wiederum nicht einfach tatenlos darauf hoffen und warten, dass uns ein anstoßgebender Geistesblitz ereilt. Wir können diese Fähigkeit wenigsten ein Stück weit kultivieren und forcieren.

4 Eigenschaften und Gewohnheiten, die deine integrative Intelligenz fördern können

Offenheit

Mark Travers verweist in seinem Artikel auf eine Studie, der zufolge Menschen, bei denen das Persönlichkeitsmerkmal «Offenheit» besonders stark ausgeprägt ist, tendenziell über eine höhere integrative Intelligenz verfügen als andere. Offenheit steht in dem klassischen Big-Five-Modell, mit dem Psycholog:innen gemeinhin die stabileren Eigenschaften von Personen beschreiben, im Kontrast zu Konventionalität, Pragmatismus, Konformität. Sie geht somit mit Experimentierfreude, Abenteuerlust und Flexibilität einher.  

Vielseitige, spezielle Interessen

Wie Mark Travers in seinem Beitrag betont, bildet die Grundlage für integrative Intelligenz eine Expertise in unterschiedlichen und idealerweise weit voneinander entfernten Gebieten. Mit anderen Worten: Wer sich sein Leben lang nur mit Flugzeugen befasst, kann nicht erwarten, dass er eines Tages die Triebwerkfunktionalität mit einem Kniff aus der traditionellen Webkunst der Maori revolutioniert. Ebenso wenig genügt zufolge dem Psychologen eine oberflächliche und flüchtige Auseinandersetzung mit einem Themenfeld. Damit in unserem Gehirn etwas hängen bleibt beziehungsweise geschieht, das uns zu einem Geistesblitz verhelfen kann, müssen wir es zuvor in eine gewisse Tiefe haben vordringen lassen. 

Ambiguitätstoleranz

Damit Impulse und Informationen aus unterschiedlichen Kontexten in unserem Gehirn zusammenfinden können, ist es unerlässlich, dass wir die Türen, hinter denen wir sie ablegen, einen Spalt offen lassen. Dass wir nicht rigoros sagen: «Das ist so und gehört hier hin und ist damit ein für allemal erledigt». Der Begriff dafür ist Ambiguitätstoleranz: Informationen, Ideen, Perspektiven stehen lassen können, ohne sie eindeutig einzuordnen und aufgrund von konkurrierenden Ideen zu beurteilen oder zu verwerfen.

Unzweckmäßige Dinge tun

Als einen Grund, warum integrative Intelligenz eher selten ist und seltener wird, nennt Mark Travers die zunehmende Tendenz in unseren Gesellschaften, uns an Zweckmäßigkeit und Nutzen zu orientieren. Wir lernen Englisch, um bessere Karrierechancen in unserer globalisierten Wirtschaft zu haben. Wir treiben Sport, um einem Schönheitsideal zu entsprechen oder zwölf Jahre länger leben zu können. Wir bewegen uns auf Autobahnen durch unser Leben, immer auf dem schnellsten Weg zu irgendeinem Ziel, anstatt durch die Landschaft zu streifen und das Drumherum zu entdecken. Dadurch verlieren wir die Fähigkeit, etwas zu entdecken und wahrzunehmen, mit dem wir nicht gerechnet haben.  

Fördern können wir diese Fähigkeit wiederum, indem wir uns gestatten, öfter Dinge um ihrer selbst Willen zu tun, ohne uns zu fragen, was sie uns bringen. Malen, tanzen, kitschige Bücher lesen, einem Fluss beim Fließen zuschauen, einen Lego-Turm bauen. Alles, was uns von unserem Tunnelblick befreit, kann unserer integrativen Intelligenz auf die Sprünge helfen. 

Die nächste Welle kommt bestimmt

Die technologischen Entwicklungen dieser Jahre können sicherlich beängstigend und bedrohlich wirken. Doch es steht uns frei, sie als Chance zu betrachten. Nicht nur, um Arbeit und Sozialsysteme umzugestalten, um Individuen eine höhere Lebensqualität und mehr Freiheiten zu ermöglichen. Sie gewähren uns eine großartige Chance, zu begreifen, dass wir mehr sind – vielleicht auch etwas ganz anderes – als rationale Organisationstalente, die rechnen und die Zukunft planen können. 

Das Leben bietet den unwahrscheinlichsten Vorstellungen die Grundlage, Wirklichkeit zu werden. Rechnerisch erscheint es nahezu unmöglich, dass wir heute existieren, wenn wir bedenken, was dazu in den vergangenen Millionen von Jahren alles passieren musste. Wie oft hören wir wahre Geschichten, von denen wir denken: «Kann doch nicht sein!»? Doch hier sind wir, an den Strand gespült von Unwahrscheinlichkeit. Inmitten von Krebsen, Quallen, Wespen, Plastikflaschen und unglaublichen Ereignissen. 

Vielleicht nehmen wir das erst einmal so hin und warten wir noch ein wenig, ehe wir uns neu definieren und als integrativ intelligente Lebewesen identifizieren – die nächste Welle spült mit hoher Wahrscheinlichkeit eine neue Überraschung an. 

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