Viele Menschen haben mindestens einen Nebenjob. Unter dem Begriff «Polyworking» wird das als flexibles Karrieremodell oder gar Selbstverwirklichungs-Trend gefeiert. Doch hinter der Mehrfacharbeit stecken häufig finanzielle Sorgen und die Angst vor dem sozialen Abstieg. Fünf Frauen erzählen, warum ein Job für sie nicht mehr reicht – und welchen Preis sie dafür zahlen.
Die Rechnungen sind bezahlt. Essen ist auch da. Danach ist Nadja* pleite.
Die 26-Jährige arbeitet Vollzeit und zieht ihre fünfjährige Tochter allein groß. Ihr Ex-Mann lebt weit entfernt und kann sie im Alltag nicht entlasten. Nun denkt Nadja darüber nach, so beschreibt sie es in einem Onlineforum, zusätzlich einen Teilzeitjob anzunehmen. Nur so lange, bis sie etwas Geld zurückgelegt hat und nicht mehr jeden Monat finanziell am Anschlag lebt. Ihre Eltern würden auf die Tochter aufpassen. Ihr Dilemma: «Um meinem Kind mehr bieten zu können, müsste ich weniger bei ihm sein.»
Selbstverwirklichung oder Selbstausbeutung?
Was bei Nadja nach finanzieller Bedrängnis klingt, wird auf dem Arbeitsmarkt seit einiger Zeit unter dem optimistischen Begriff Polyworking verhandelt. Je nach gesellschaftlicher Bubble geht es dabei entweder um berufliche Selbstverwirklichung und mehr Flexibilität – oder schlichtweg Geldnot. In jedem Fall scheint der Trend zu boomen: Eine weltweite Umfrage der Plattform Academized.com ergab, dass 54 Prozent der befragten deutschen Millenials (im Alter von heute 26 bis 41) einer Nebenbeschäftigung nachgehen – damit sind sie Spitzenreiter in Europa. Ein Drittel jongliert sogar vier oder mehr Jobs gleichzeitig.
Warum und unter welchen Bedingungen?
Einige Vorteile liegen auf der Hand: Statt von nur einem Arbeitgeber abhängig zu sein, bauen sich Beschäftigte mehrere Standbeine auf. Sie erschließen zusätzliche Einkommensquellen, lernen neue Fähigkeiten und verwirklichen berufliche Interessen, für die im Hauptjob kein Platz ist.
Zur Wahrheit gehört aber auch: «Es macht einen großen Unterschied, ob jemand am Wochenende als DJ auflegt, weil ihm das Spaß macht und er etwas hinzuverdienen möchte, oder ob jemand nach dem Hauptjob noch eine weitere Schicht übernimmt, weil zusätzliches Einkommen gebraucht wird», sagt Arbeitswissenschaftler Professor Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, gegenüber BRIGITTE. «Für mich ist deshalb nicht zuerst entscheidend, wie viele Jobs jemand hat. Entscheidend ist: Warum macht jemand mehrere Tätigkeiten und unter welchen Bedingungen?»
Finanzielle Motivation ist nicht gleich finanzielle Not

© ifaa
Stowasser warnt zudem davor, die Umfrage als repräsentatives Bild Deutschlands zu lesen. Denn das Statistische Bundesamt weise für 2025 lediglich fünf Prozent der Erwerbstätigen mit mindestens einer weiteren Tätigkeit aus. Das IAB komme mit einem anderen statistischen Konzept auf rund 4,68 Millionen Beschäftigte mit Nebenbeschäftigung, das entspricht 5,6 Prozent.
Solche Langzeitdaten «sprechen eher für eine langfristige stetige Entwicklung über Jahrzehnte als für einen plötzlichen Boom der letzten Jahre», ordnet Stowasser gegenüber BRIGITTE ein. «Manche Menschen bauen sich ganz bewusst mehrere berufliche Standbeine auf. Sie wollen etwas Neues ausprobieren, zusätzliche Kompetenzen erwerben, ein Hobby professionalisieren oder eine selbstständige Tätigkeit entwickeln. Das kann ausgesprochen attraktiv sein. Andere wollen oder müssen ihr Einkommen ergänzen.» Wichtig für den Experten: «Ein finanzielles Motiv bedeutet nicht automatisch finanzielle Not.»
Polyworking gleicht fehlenden Unterhalt aus
Wie wenig glamourös Mehrfacharbeit sein kann, zeigt Sarah*. Auch sie berichtet in einem Eltern-Forum von ihrem zweiten Job. Ihr neunjähriger Sohn ist autistisch. Als er kleiner war, hätte sie kaum zusätzlich arbeiten können, weil eine geeignete Betreuung schwer zu finden war. Heute ist er an manchen Wochenenden bei seinem Vater, gelegentlich springt die Familie ein, damit Sarah abends arbeiten kann. Ihrem Sohn erklärt sie, dass sie zusätzlich arbeite, damit beide sich «schöne Dinge» leisten könnten. Dass der Vater sich nicht an Winterkleidung oder Schulmaterial beteilige, möchte sie ihm nicht erzählen.
Ein Viertel der Eltern sorgt sich um Grundbedürfnisse
Mehr als ein Viertel der Eltern minderjähriger Kinder in Deutschland sorgte sich im Juli 2026, innerhalb der folgenden zwölf Monate Grundbedürfnisse wie Heizen, Kleidung oder Essen nicht mehr finanzieren zu können. Das zeigt eine Forsa-Umfrage unter 1001 Eltern im Auftrag von Save the Children. Im Januar 2025 waren es noch 15 Prozent, im Juli 2026 bereits 27 Prozent.
21 Prozent erklärten, Ausflüge, Urlaube, Restaurantbesuche, Möbel oder Hobbys der Kinder seien eher nicht oder überhaupt nicht bezahlbar. 22 Prozent hatten bei Ausgaben für ihre Kinder bereits zurückstecken oder genau abwägen müssen – etwa bei Freizeitaktivitäten, Feiern und Geschenken.
Dass dauerhaft lange Arbeitszeiten und fehlende Erholung krank machen können, ist arbeitswissenschaftlich klar belegt. «Zwei zusätzliche Stunden selbstbestimmte Projektarbeit am Samstagvormittag sind etwas anderes als zwei Stunden Nachtarbeit nach einem bereits anspruchsvollen Arbeitstag», sagt Prof. Dr. Stowasser – und bringt ein weiteres Kernproblem von Polyworking auf den Tisch: «Der Mensch hat nicht für jeden Job einen eigenen Akku.» Hauptjob, Nebenjob, Kinderbetreuung und Haushalt werden nicht getrennt verarbeitet, die Belastungen addieren sich: «Wenn jeder freie Zeitblock automatisch wieder zum Arbeitszeitblock wird, ist irgendwann nichts mehr gewonnen.»
«Polyworking bedeutet für mich Unabhängigkeit»
Polyworking ist jedoch nicht automatisch Selbstausbeutung. Für Suzan*, 32, bedeutet es auch Unabhängigkeit. Neben ihrem Hauptjob im Marketing arbeitet sie selbstständig als Social-Media-Beraterin.
«Meine Branche ist aufgrund von KI leider nicht mehr die sicherste», erzählt sie BRIGITTE. Die Aufstiegschancen und Gehaltssprünge seien gering. Ihre Selbstständigkeit gleicht das vergleichsweise niedrige Gehalt aus und verschafft ihr eine Alternative, falls sich die Lage in der Agentur verschärft.
Suzan hat ihre Stunden im Hauptjob reduziert, ihre Selbstständigkeit angemeldet und informiert ihre Chefin über neue Kund:innen. Trotzdem arbeitet sie häufig am Wochenende. Ihre Freizeit leide darunter, ihre mentale Gesundheit profitiere jedoch: «Ich weiß, dass ich Alternativen habe, sollte beruflich etwas passieren, und mich nicht vollkommen abhängig oder meiner Jobsituation ausgeliefert fühle.»
Das ist das Paradox des Polyworkings: Mehr Arbeit kann erschöpfen und zugleich Ängste lindern.
Wenn der Feierabend verschwindet
Katharina*, 57, kennt beide Extreme. Während der Pandemie kombinierte die Lektorin eine gut bezahlte 24-Stunden-Stelle mit einem weiteren attraktiven Job an der Uni und arbeitete zeitweise 42 Stunden pro Woche. Es ging um zusätzliches Geld und Selbstverwirklichung – aber auch darum, der Leere der Pandemie zu entkommen.
Heute arbeitet sie in einem festen Hauptjob und genießt es, einen festen Feierabend zu haben. Eigentlich will sie keinen Nebenjob mehr. Doch obwohl sie inzwischen 40 Stunden arbeitet, reicht ihr Einkommen nicht aus. Ihr Vertrag ist zudem befristet. Sie hält deshalb Kontakte warm und rechnet damit, wieder zusätzlich arbeiten zu müssen. «Ich würde es am liebsten nicht machen müssen», erzählt sie BRIGITTE. Aus Selbstverwirklichung ist Existenzsicherung geworden.
Daniela Stohn, 52, erlebt dagegen die positive Seite des Polyworking. Die BRIGITTE-Redakteurin arbeitet zusätzlich als Yogalehrerin und Health-Coach. «In diesem Nebenjob steckt meine ganze Leidenschaft», sagt sie. Zwar habe sie weniger Freizeit und die festen Abendtermine störten manchmal. Trotzdem überwiege die Freude: «Der Nebenjob gibt meinem Leben Sinn und macht mir Spaß.»
Wer hat die Wahl?
«Polyworking klingt nach Laptop, Café und drei spannenden Projekten», sagt der Arbeitswissenschaftler. Die entscheidende Frage sei nicht, ob Polyworking grundsätzlich gut oder schlecht ist. Sondern: Wer hat eine Wahl? Vor allem Frauen, so warnt er, könnten schnell in die Falle tappen, weil sie ohnehin schon häufiger mehrere Jobs gleichzeitig machen: «Wenn Betreuung, Hauptjob und Nebenjob ständig ineinandergreifen, wird aus Flexibilität schnell zusätzliche Belastung», sagt Stowasser.
Daniela verwirklicht eine Leidenschaft. Suzan baut sich Unabhängigkeit auf. Katharina fürchtet, den Feierabend aus finanziellen Gründen wieder aufgeben zu müssen. Sarah kann nur arbeiten, wenn jemand ihren Sohn betreut. Und Nadja müsste Zeit mit ihrer Tochter gegen etwas mehr Sicherheit eintauschen. Sie alle machen «Polyworking» – dieselbe Wirklichkeit leben sie nicht.
«Work-Life-Balance ist für mich kein Luxus», sagt Prof. Dr. Stowasser. «Erholung ist notwendig, damit Menschen langfristig leistungsfähig bleiben.» Seine Bilanz: «Polyworking ist weder Heilsversprechen noch Krisensymptom. Entscheidend sind die Motive, die Arbeitsbedingungen und die Frage, ob Menschen diese Form der Erwerbstätigkeit freiwillig wählen können.»
* Name von der Redaktion geändert
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