Früher wurde auf Pausenhöfen, Parkbänken und Dorfpartys hemmungslos geknutscht. Heute fällt ein öffentliches Liebespaar schon fast auf. Was ist mit dem Kuss passiert?
Die Gen-Z-Journalistin Jasmine M’Barek sagte neulich in ihrem Podcast, dass sie schon lange kein junges Paar mehr so richtig in der Öffentlichkeit habe fummeln sehen. Und es stimmt: Ich denke zurück. Das letzte Mal, dass ich einen Kuss – und damit meine ich kein Bussi oder Schmatzer, sondern eine gefühlvollere Liebesbekundung – gesehen habe, ist zwar erst circa zwei Wochen her. An einer Ampel.
Auffällig ist allerdings: a) Dass ich mich noch so genau daran erinnere, zeigt, dass Liebkosungen in der Öffentlichkeit offenbar kaum noch stattfinden. Und b) war besagtes Paar, so weit ich das aus dem Bus durch die schmutzige Scheibe beurteilen konnte, weit über 50. Was ist mit den jungen Leuten?
Früher wurde überall geknutscht
Zu meiner Schulzeit (Abi habe ich 2014 gemacht) war ein Kuss nichts mehr, das lediglich im dunklen Kämmerlein ausgetauscht werden durfte. Egal ob auf dem Pausenhof, auf Dorfpartys, beim Wahrheit-oder-Pflicht-Spielen oder einfach auf einer x-beliebigen Parkbank: Überall wurde geküsst, was das Zeug hält. Die Paare aus der Oberstufe verbrachten wirklich jede Pause damit, sich gegenseitig an den Lippen zu hängen, von Anfang bis Ende. Ein Bild hat sich bei mir bis heute eingebrannt: Eines der Knutsch-Couples nutzte immer einen Stuhl, auf den sie sich stellte, um den Größenunterschied auszugleichen.
Und, das vielleicht Wichtigste dabei: Ein Kuss musste keine große Sache sein, gleichzeitig konnte er es sein.
Die Kuss-Rezession ist real
Heute sieht das anders aus. Eine aktuelle YouGov-Umfrage, die von der Mundpflegemarke «Waken» in Auftrag gegeben wurde, kommt zu einem Ergebnis, das die These stützt: Mehr als ein Drittel der britischen Erwachsenen gab an, in der Öffentlichkeit weniger zu knutschen als noch vor fünf Jahren. Ein knappes Drittel glaubt, Küssen sei generell nicht mehr so üblich wie früher. Besonders verbreitet ist diese Wahrnehmung bei den 18- bis 24-Jährigen.
Das passt auch zu einem größeren Trend. Immer mehr Menschen sind Single, junge Menschen haben weniger Sex als frühere Generationen und Forschung zeigt, dass sie in vielen Bereichen risikoscheuer geworden sind. Aber warum sollte ausgerechnet das Küssen verschwinden?
Küssen braucht Nähe – und die wird komplizierter
Ich würde gern mal Mäuschen spielen und schauen, ob Küssen in Schulen tatsächlich keine beliebte Pausenaktivität mehr ist. Stattdessen starren die jungen Leute vermutlich auf ihre Handy-Displays. Denn während meiner Schulzeit war die Öffentlichkeit noch ein Ort, an dem man zwangsläufig miteinander in Kontakt kam. Man traf sich, sprach jemanden an, flirtete, küsste sich.
Heute findet ein großer Teil unseres sozialen Lebens online statt. Und wer online flirtet, muss sich eben nicht zwangsläufig vor anderen Menschen ausprobieren.
«Die Menschen sprechen nicht mehr mit Fremden und fragen einander nicht mehr nach Dates», sagt Sarah Stein Lubrano, Sozialtheoretikerin und Autorin, gegenüber «Guardian». Küssen sei dafür ein bezeichnendes Beispiel: Es erfordere Fähigkeiten wie das Lesen von Mimik, Körpersprache und subtilen sozialen Signalen, die durch unsere Abhängigkeit von Technologie möglicherweise verkümmern, so die Expertin.
Lubrano geht sogar noch weiter. Der Rückgang sollte uns beunruhigen, sagt sie, «nicht weil jeder in einer romantischen Beziehung sein muss, sondern weil er insgesamt weniger soziale Kontakte, weniger Verbindlichkeit und weniger Zugehörigkeit bedeutet.»
Der Kiss-Cam-Effekt: Das Internet vergisst nicht
Natürlich muss niemand auf dem Weg zur Arbeit knutschen, und auch junge Menschen schulden uns keine öffentliche Liebesbekundung. Aber mir fehlen die knutschenden Paare von damals auch ein bisschen. Gleichzeitig denke ich: Heutzutage wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, dass irgendein Witzbold ein Foto geschossen und online geteilt hätte.
Und das Internet vergisst nicht. Wer nicht nachdenkt, dem geht es vielleicht wie dem Mann und seiner Begleiterin, die nicht seine Ehefrau, sondern seine Personalchefin war, die bei einem Coldplay-Konzert im vergangenen Jahr von der Kiss Cam eingefangen wurden. Eine innige Umarmung der beiden reichte schon, und beide waren erst ihr Privatleben und dann ihre Jobs los.
Die Kiss Cam hat uns damit vielleicht unfreiwillig etwas vor Augen geführt: Intimität ist öffentlich geworden, aber nicht unbedingt freier. Ein Kuss kann heute nicht nur zwischen zwei Menschen stattfinden, sondern jederzeit ungewollt zum Bild für Tausende werden. Irgendwie verständlich, dass junge Menschen vorsichtiger werden, wie sie sich in der Öffentlichkeit geben. Andererseits auch eine traurige Entwicklung.
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