Kurzzeit-Therapie : Sollte ich öfter Ja sagen?

Wer zu vorsichtig entscheidet, bringt sich um eine Chance, weiß Franca Cerutti. 

Wir haben gelernt, Grenzen zu setzen. Gut so! Aber über das Gegenstück sprechen wir erstaunlich selten: Was ist mit Menschen, die reflexhaft Nein sagen? Die nahezu immer abwinken – ob es um einen anderen Haarschnitt, einen spontanen Kurztrip oder eine Karrierechance geht? Die ihr Leben so eng um das Vertraute herum gebaut haben, dass kaum noch Luft für Neues bleibt? Während andere den unbequemen Moment des Neinsagens fürchten, fürchten diese Menschen alles, was nach einem Ja käme: die Ungewissheit, die Anforderung, das Offene.

Franca Cerutti
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin und podcastet unter dem Label «Psychologie to go!». Wer ihr bei Instagram folgen möchte: @franca_cerutti_psychologie.
© Immo Fuchs

Der US-Ökonom Steven Levitt hat sich gefragt, was passiert, wenn man diesen chronisch Zögernden einen liebevollen Stups gibt: Über 20 000 Menschen, die vor einer wichtigen Lebensentscheidung feststeckten, warfen auf seiner Website eine virtuelle Münze. Kopf hieß: Wage es! Zahl bedeutete: Lass alles beim Alten! Sechs Monate später waren diejenigen, deren Münze auf Veränderung gelandet war, deutlich zufriedener und glücklicher. Levitts Fazit: Wir sind bei Lebensentscheidungen systematisch zu vorsichtig.

Die hartnäckige Neigung, an Bestehendem festzuhalten, selbst wenn Alternativen erkennbar besser wären, nennt sich Status-quo-Bias – eine Verzerrung zugunsten des Ist-Zustands. Dieses Bias und geringes Wohlbefinden scheinen sich gegenseitig zu füttern: Wer sich unwohl fühlt, klammert sich ans Bekannte, und wer sich ans Bekannte klammert, fühlt sich mit der Zeit unwohler. Ein Kreislauf.

Diese Frage sollten wir uns stellen, bevor wir Nein sagen 

Das Tückische daran: Es passiert schleichend. Erst sagt man die Geburtstagsfeier ab, weil man sich gerade nicht so fühlt. Dann den Kurs, der einen interessiert hätte. Dann das Gespräch, das überfällig wäre. Der Radius wird enger, unmerklich, und mit ihm schrumpft die Welt. Das ständige Ausweichen vor Unsicherheit, Anspannung oder Scham fühlt sich selbstfürsorglich an. Letztlich kostet die Vermeidung jedoch Handlungsspielraum und Lebendigkeit. Und die Reue-Forschung ergänzt, was viele ahnen: Langfristig bereuen wir vor allem, was wir nicht getan haben. Das heißt: Über eventuelle Fehler kommen wir hinweg. Über verpasste Gelegenheiten erstaunlich selten.

Wer sich hier wiedererkennt, darf sich eine ehrliche Frage stellen: Schützt mein Nein mich wirklich – oder bremst es mich aus? Selbstfürsorge kann auch bedeuten, sich das Unbequeme zuzumuten. Nicht jedem Impuls nachzugeben, aber auch nicht jeden abzuwürgen. Wir kennen den Satz: «Ein Nein zu anderen ist ein Ja zu sich selbst.» Aber manchmal ist ein Ja zu anderen auch ein Ja zu sich selbst – nämlich dann, wenn das Nein nur noch einengt.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert