Selbst wenn sie heute «Bonusmütter» heißen, haben Stiefmütter immer noch sehr unklare Rollen. Was es braucht, damit es in Patchwork-Konstellationen allen Beteiligten besser geht.
Mit einem Klicken gehen die Autotüren auf. Der Vater klemmt sich hinters Steuer, das Kind klettert ganz selbstverständlich auf den Beifahrersitz. Für die Stiefmutter? Bleibt nur Platz auf der Rückbank. Dann sitzt sie halt hinten, was ist schon so schlimm daran? Dennoch fühlt es sich falsch an, fühlt sie sich ausgeschlossen. Eifersucht kommt hoch, wenn sie das Kind neben dem Vater sitzen sieht, da, wo doch ihr Platz sein sollte. Aber weil sie weiß, dass es eigentlich keine große Sache sein sollte (die paar Kilometer!) und dass sie Verständnis haben sollte (das Kind sieht den Vater doch nur so selten!), drängt sie die Gefühle beiseite – wodurch sie sich nur noch mieser anfühlen.
Elsa Köster, Autorin und Stiefmutter von zwei Kindern, saß schon oft da hinten auf der Rückbank. In ihrem Buch «Stiefmutter sein» geht sie diesem Dilemma auf den Grund. Stiefmutter – kann man das heute überhaupt noch sagen? Ist das Wort «Bonusmutter», das der Familientherapeut Jesper Juul geprägt hat, nicht zeitgemäßer? Grimms Märchen, böse Hexe, das war doch vorgestern, oder?
Sind wir als Gesellschaft in Zeiten von Regenbogen- und Patchworkfamilien, Soloeltern und Getrennterziehenden da nicht schon viel weiter? Nein, sagt Elsa Köster, leider nicht. Denn noch immer gelte die Maxime: «Am besten kümmert sich die Mutter ums Kind», auch im Jahr 2026. «Die Probleme der Stiefmütter liegen nicht am Begriff, sondern an der Rollenverteilung in der patriarchalen Familie.» Und das Wort «Bonus» beschönige nicht nur, es setze Stiefmütter auch unter Druck, vermittle es doch, man dürfe nur einen Bonus, also Positives, in die Beziehung einbringen, «aber wir sind Menschen mit Bedürfnissen, Problemen und Verletzungen».
Sich zusammenreißen, die eigenen Gefühle aus Rücksicht auf die Kinder unterdrücken, wie sich das vermeintlich für eine Erwachsene gehöre – das hat Elsa Köster lange versucht. Aber: «Stiefmütter stellen typischerweise die eigenen Bedürfnisse lange zurück – bis das Fass voll ist und sie explodieren.» Eifersucht auf die Stiefkinder etwa ist immer noch ein großes Tabu. Für Elsa Köster war es der beste Weg, diese Gefühle zu akzeptieren und offen vor ihrem Partner anzusprechen. Gefühle zu benennen, mache sie kleiner, sagt sie.
«Stiefmutter zu sein bedeutet, die mütterliche Rolle zu übernehmen, aber keine Anerkennung zu erhalten»
Die Rolle der Stiefmutter sei grundsätzlich eine sehr ambivalente: «Man ist Teil der Familie, aber man darf nichts mitbestimmen.» Versuche man, eigene Familientraditionen auszuleben oder gar zu mütterlich zu sein, stehe man sofort in der Konkurrenz zur Mutter, zur Kernfamilie, zu der man nicht gehört, so Köster. Als Stiefmutter habe man nie die volle Gestaltungsmacht zu Hause. Das verletzt: mütterliche Aufgaben übernehmen zu müssen, aber keine Anerkennung als Mutter zu erhalten.
Auch die Psychologin Katharina Grünwald («Glückliche Patchworkpaare») sieht den Grund für schwierige Stiefbeziehungen im Frauenbild: «Frauen fühlen sich immer noch stärker für die Familie verantwortlich.» Es fehlten Vorbilder fürs Stiefmuttersein, und so trete man unbewusst immer in den Wettbewerb zur Mutter, denn die stehe immer mit im Raum: «Für Kinder ist klar: Es kann nur eine Mutter geben.» Wer in Konkurrenz zur Mutter trete, habe den Kampf von vornherein verloren, sagt Grünwald, die Paare in Patchwork-Konstellationen berät.
Das Kunststück sei, eine Rolle neben dem Vater zu finden, die keine mütterliche ist. Also etwa die Rolle einer Freundin, Patentante oder einfach nur die der Freundin des Vaters, die keine erzieherischen Aufgaben übernimmt und sich so ganz klar von der leiblichen Mutter abgrenzt. Aber: «Das ist im Alltag extrem schwer durchzusetzen», gibt sie zu. Vor allem, wenn neben den Stiefkindern noch eigene Kinder dazukommen: Wie soll man da in zwei Rollen gleichzeitig schlüpfen? Klar, dass man immer auch eine mütterliche Rolle für alle Kinder einnimmt, sich auch erzieherisch einmischt. Was jedoch erleichtert: Stiefmütter müssen nicht auf Teufel komm raus eine sehr enge Beziehung zu den Stiefkindern haben – und auch nicht einen auf beste Freundin machen.
Wichtig sei, so Grünwald, dass Patchworkpaare ihre Beziehung als Energiequelle Nummer eins für die ganze Familie sehen, noch vor der Beziehung zu den Kindern, «denn die Patchworkfamilie ist ja nur da, weil es die Liebe zwischen den Partnern gibt». Und was ist mit der Eifersucht auf die Stiefkinder (Stichwort Beifahrersitz)? Stiefmütter strengen sich oft besonders an, weiß Grünwald. Wenn die Anerkennung dafür ausbleibe, kämen neben der Enttäuschung die Eifersucht. «Deshalb sollte man die Belohnung möglichst aus sich selbst herausziehen. Selbstfürsorge hilft gegen Eifersucht», rät sie. Man darf auch sagen: «Ich habe keine Lust, macht das mal alleine», um sich Zeit für sich selbst zu nehmen. «Das ist nicht egoistisch, sondern essenziell. Wenn es mir als Stiefmutter nicht gut geht, kann ich das Kind nicht gut begleiten», weiß auch Familiencoach Marita Strubelt («Patchwork-Power»). Es sei normal und okay, wenn Stiefmütter sich nicht unbedingt jedes Mal auf den Stiefkind-Besuch freuten.
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