«Soft Hermitting», der sanfte soziale Rückzug, hat Hochkonjunktur. Doch der Grat zwischen gesunder Selbstfürsorge und schädlicher Selbstisolation ist schmal. Wie du erkennst, ob du auf einem guten Weg bist.
Noch bevor ich morgens im Bett nach dem Handy taste, scrollt mein Hirn durch meine mentale To-do-Liste: Was steht heute an? Job, Geburtstagsgeschenk besorgen, waschen, joggen? Und danach? Nichts!? YES! Allein die Aussicht auf einen «freien Abend» kann mir richtigen Schwung für den Tag verleihen. Wobei mit «freier Abend» nicht arbeitsfrei, sondern menschenfrei gemeint ist: niemanden sehen, niemanden sprechen, mit niemandem interagieren. Höchstens tippend am Smartphone.
Manchmal bin ich so angestrengt vom Alltag, dass ich nicht mal meine Nachbarin am Briefkasten (Small Talk!), meine beste Freundin auf einen Wein (Deep Talk!) oder meinen Freund treffen möchte. Alles fühlt sich nach zu viel an. Die Vorstellung, einen unverplanten Abend vor mir zu haben, macht mich dann fast glücklich.
«Soft Hermitting», der sanfte Rückzug von der Welt, ist schon bei den Jungen gefragt
Gerade für Frauen in der Mitte des Lebens, die Job und Familie managen, ist Rückzug – wenn überhaupt – oft die einzige Möglichkeit für eine Pause vom fordernden Alltag. Und ja, solche Pausen sind unfassbar wichtig, um selbstbestimmt Zeit zu verbringen, zu sich zu kommen, nachzudenken, Stille zu erleben und die soziale Batterie wieder aufzuladen.
Doch selbst bei der Gen Z trendet in den sozialen Medien der «sanfte Rückzug», neudeutsch „Soft Hermitting“ (von englisch hermit = Einsiedler), bei dem man den Kontakt zu anderen Menschen reduziert, um mehr ruhige Abende zu Hause zu verbringen: Serie gucken statt Freunde treffen, Scrollen statt zum Sport gehen, Snacks auf dem Sofa essen statt gemeinsam kochen. Dabei geht es auch darum, gesunde Grenzen zu setzen und Nein zur bereits getroffenen Verabredung zu sagen, wenn einem gerade überhaupt nicht danach ist.
Der Grat zwischen Selbstfürsorge und Selbstisolation ist schmal
Doch wenn wir nicht aufpassen, können solche Kompetenzen in Sachen Selbstfürsorge uns unmerklich vom Leben abkoppeln. Aus «Ich brauche heute Ruhe» kann ein schleichender Rückzug von unseren Freundschaften werden. Aus «Ich cancele die Party» ein Muster, das auf Dauer unsere seelische Gesundheit gefährdet.
Denn der Grat zwischen Selbstfürsorge und Selbstisolation ist schmal. Und die Frage nicht immer ganz einfach zu beantworten: Wann kippt gesunder Rückzug in ungesunde Selbstisolation? Wann wird aus Ruhe Einsamkeit?
Oft ist Rückzug eine Antwort auf Überforderung, Stress und den sozialen Druck, das Maximum aus unserem Leben rauszuholen. Da kann es leicht passieren, dass wir den Punkt verpassen, an dem Selbstfürsorge endet und Isolation beginnt.
Wie merke ich, dass ich es übertreibe mit der Me-Time?
Die kanadische Psychologin Monica Vermani schreibt in «Psychology Today»: «Wenn ich feststelle, dass ich immer wieder Einladungen ablehne, bevorstehende Verabredungen mit anderen Menschen fürchte oder erleichtert bin, wenn geplante Treffen platzen, sollte ich aufhorchen.» Dann könne es an der Zeit sein, das eigene Vermeidungsverhalten zu durchbrechen. Denn selbst wenn die selbstgewählte Isolation sich gut anfühlen kann, ist es wichtig, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Längst ist bekannt, dass tragfähige Beziehungen zu einem guten Leben dazugehören und Einsamkeit krank machen kann.
Die entscheidende Frage ist dann: Was steckt wirklich hinter meinem Rückzug? Ist es wirklich nur der Wunsch nach einer Pause oder stecken Niedergeschlagenheit, Selbstzweifel oder sogar eine Depression dahinter? Dann ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Um festzustellen, ob man sich in einem ungesunden Muster der Selbstisolation befindet, sind außerdem die folgenden drei Fragen hilfreich:
- Wie lange dauert mein Rückzug schon an?
- Wie fühle ich mich, nachdem ich Zeit allein verbracht habe? Einsam oder erholt? Niedergeschlagen oder energiegeladen? Optimistisch oder hoffnungslos?
- Hätte ich Lust auf Kontakt – und meide ihn aus Angst, nicht zu genügen oder abgelehnt zu werden?
Wenn ich mich selbst nach einem freien Abend frage, wie es mir geht, merke ich oft, wie sehr es mich entspannt, alleine in meiner Wohnung herumzulungern: nichts absprechen müssen, auf niemanden Rücksicht nehmen, tun und essen, was mir in den Sinn kommt, und alles in meinem Tempo. Und dann gibt es diese Abende, an denen ich, statt wie geplant mein Buch weiterzulesen, nur den großen gegen den kleinen Bildschirm tausche, am Handy scrolle und meine Laune stündlich weiter in den Keller geht. Und ich mich isoliert fühle vom Leben vor meiner Tür.
Die wahre Selbstfürsorge besteht für mich darin, jedes Mal genau hinzuschauen: Was gibt mir die Zeit allein zuhause – und was nimmt sie mir weg? Und immer wieder die richtige Balance zu finden aus Rückzug und Rausgehen. Es bleibt ein Drahtseilakt.
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