Sport gilt als etwas Gesundes, wer einen Marathon läuft, bekommt Applaus. Doch für Marie Micke wurde das Laufen zu einer Sucht. Im BRIGITTE-Interview erzählt sie, wie es ist, an einer inoffiziellen Krankheit zu leiden, die kollektiv verharmlost wird.
BRIGITTE: Liebe Marie, Joggen oder Laufen gehört für viele Menschen zum Leben dazu, um den Kopf frei zu kriegen, zum Beispiel. Wie fühlt es sich für dich an, laufen zu gehen?
Marie Micke: Es ist ein Zwang. Es fühlt sich für mich an wie normales Zähneputzen. Ich muss es machen, vorher funktioniere ich nicht. Es gab schon Tage, da stand ich morgens um halb zehn auf der Arbeit und hatte schon einen halben Marathon in den Beinen.
Du bist jetzt 29 Jahre alt. War Sport schon immer ein wichtiger Teil deines Lebens?
Im Gegenteil, bis ich 18 war, habe ich nur Schulsport gemacht, den habe ich aber oft geschwänzt. Meine damalige Klassenlehrerin war Marathonläuferin, deshalb mussten wir viel laufen und ich habe es gehasst. Ich hatte überhaupt keinen Spaß daran. Aber ich dachte, es gehört dazu, wenn man abnehmen will.
Warst du unzufrieden mit deinem Gewicht?
Ich hatte leichtes Übergewicht, nicht dramatisch, aber ich hab mich unwohl gefühlt. Ich bin dann immer mehr gelaufen, habe Workouts gemacht, die Ernährung angepasst. Relativ schnell bin ich dann auch meinen ersten Marathon gelaufen und habe in einem kurzen Zeitraum viel abgenommen: 17 Kilo.
Was war deine Motivation, mit dem Laufen weiterzumachen?
Für mich war es ultra wichtig, dieses Gewicht zu halten. Aber auch, meine Zeiten bei den Läufen zu verbessern. Und dann war da noch die Anerkennung. In meinem Umfeld war ich immer die Unsportliche, die, die eigentlich einen sehr ungesunden Lebensstil hat – und dann war ich auf einmal die Marathonläuferin.
Wann hast du gemerkt, dass dein Verhältnis zum Laufen ins Ungesunde kippt?
Das war nach meinem ersten Marathon. Danach bin ich in ein krasses Loch gefallen. Der Marathon war immer mein größtes Ziel gewesen. Obwohl ich schon meine erste Verletzung hatte, wollte ich das unbedingt schaffen. Alles hatte sich nur noch um diesen einen Tag gedreht. Und dann war es halt geschafft. Und ich hatte kein Ziel mehr. Ich hab dann versucht, das zu kompensieren, indem ich einfach noch mehr laufe, teilweise zweimal am Tag. Ich hab mich bei super vielen Events angemeldet und hab versucht, noch mal irgendwie sowas zu finden, so ein Ziel, aber ich hab’s halt nicht mehr geschafft.
Haben sich deine sozialen Beziehungen durch deine wachsende Laufsucht verändert?
Ich hab den Sport immer mehr priorisiert und immer weniger am Familienleben teilgenommen. Ich konnte mich an einem Samstag erst mit jemandem treffen, wenn ich 22 Kilometer gelaufen bin. Bis vor kurzem bin ich noch zwischen 3 und 4 Uhr aufgestanden, um vor der Arbeit laufen zu gehen. Letztlich bin ich pro Woche 130 bis 140 Kilometer gelaufen.
Was macht diese Belastung mit deinem Körper?
Ich arbeite in Teilzeit in einer Kita und das merkt man dann halt schon. Man hat immer mal Beschwerden an den Gelenken, gerade, wenn man im U3-Bereich viel auf dem Boden sitzt und wieder aufsteht. Nach der Arbeit ist man echt k.o. Dazu kommen aber noch andere gesundheitliche Folgen. Ich hab schon gesehen, dass einige irgendwann gar nicht mehr laufen können. Man macht seine Gesundheit damit kaputt. Und das wird total verharmlost.
Inwiefern?
Wie viele Läufer:innen sich im Marathon noch eine oder zwei Ibus einwerfen, wenn sie nicht mehr können. Im schlimmsten Fall kannst du eine Magenblutung bekommen. Viele haben Ermüdungsbrüche. Das wird selbst im Leistungssport abgetan mit: Hat halt viel trainiert. Und in drei Monaten musst du wieder an der Startlinie stehen. Das ist nicht normal. Durch Social Media wird gerade auch das Extrem-Laufen normalisiert: 80, 90, 100 Kilometer. Letztes Wochenende begann der Last Soul Ultra. Da läuft man so lange, bis der letzte übrigbleibt. Die haben schon über 600 Kilometer in den Beinen. Einige Influencer:innen sind da auch mitgelaufen, bis ins Krankenhaus. Das finde ich super fragwürdig. Denn man sagt ja, schon ein Marathon hat nichts mehr mit Gesundheitssport zu tun.
Du sagst, du hattest deine erste Verletzung schon vor deinem ersten Marathon. Was war passiert?
Das war Ende Dezember, ich hatte Ferien von der Ausbildung und wusste nicht so richtig viel mit mir anzufangen, also bin ich gelaufen. Laufen gibt einem ja auch ein Glücksgefühl, das Runners High. Und wenn man viel schafft, dann denkt man: Okay, das mache ich morgen nochmal und noch mehr. Und deshalb bin ich jeden Tag für eine Woche um die 16 Kilometer gelaufen, manchmal auch 20. Das hat mein Fuß dann nicht mehr mitgemacht. Meine Mutter hat mich in die Notaufnahme gefahren, ich hatte die Vorstufe von einem Bruch.
Wie war es für dich, dann keinen Sport mehr machen zu können?
Es waren tatsächlich nur vier Wochen, aber in denen war es sehr schwer auszuhalten. Mein Umfeld hat gesagt, sie sind froh, wenn ich wieder laufen kann, weil ich so schlecht gelaunt war.
Hat dein Umfeld deine Laufsucht also unbewusst angestachelt?
Als ich abgenommen habe und den Marathon gelaufen bin, habe ich einfach unglaublich viel Zuspruch und Anerkennung bekommen. Ja, das hat es auf eine Art mitbefeuert. Wenn ich wieder einen Marathon gelaufen bin, wurde ich zum Beispiel gefragt: Was war deine Zeit? Bist du Bestzeit gelaufen? Das setzt halt auch irgendwo unter Druck. Und auch, wenn ich auf der Arbeit gesagt habe, ich bin schon einen Halbmarathon gelaufen, hieß es oft: Wow, Respekt. Aber würde mir das eine Kollegin häufiger erzählen, würde ich schon irgendwann mal das Gespräch suchen.
Wie sollte man eine betroffene Person darauf ansprechen?
Man sollte auf jeden Fall nicht so vorwurfsvoll in ein Gespräch gehen. Mir selbst wurde oft gesagt, dass es krank ist, was ich mache, teilweise gab es Kommentare zu meinem Aussehen. Aber das bringt halt gar nichts. Auch der Spruch: Dann lauf doch einfach weniger! – das hört sich so einfach an. Ich dachte auch ganz oft: Okay, morgen machst du mal Pause. Aber es ist, als würde mir die Luft zum Atmen genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass man sich einen ruhigen Rahmen sucht und einfach die Beobachtung teilt. Hilfe anbietet, ohne Vorwürfe.

Wie gehst du selbst aktuell mit deiner Laufsucht um?
Ich habe gerade ein Knochenmarködem im Knie und muss pausieren. Vor drei Monaten bin ich das letzte Mal sehr lange gelaufen und seitdem nicht mehr. Das ist schon schwierig. Aber durch die Therapie merke ich, dass ich es doch aushalten kann. Aber es braucht Zeit. Ich lerne nun Alternativen, wie Yoga, Meditation, Atemübungen oder probiere mich im kreativen Bereich aus.
Möchtest du trotz allem weiterlaufen?
Ich denke mir, ich möchte weiterlaufen, um Spaß zu haben. Um gesund zu sein. Im April bin ich einen Marathon gelaufen und die Zeit war mir komplett egal. Es ist zwar eine Sucht, aber ich mag das Laufen auch gerne, ich habe dadurch zum Beispiel viele soziale Kontakte dazugewonnen. Es ist manchmal ein Fluch und manchmal ein Segen.
Unsere Serie «Stärker als die Sucht» zeigt Frauen, die sich ihrer Erkrankung gestellt haben. Sie erzählen davon, wie sie in die Sucht gerutscht sind und wie sie ihren Weg herausgefunden haben. Teil 2 folgt in Kürze …
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