Tanja Marfo: Ehemalige Body-Positivity-Ikone fragt: Wer bin ich, wenn ich nur noch die Hälfte bin?

Tanja Marfo wog 200 Kilo und war eine Body-Positivity-Ikone. Dann begann sie abzunehmen, rund 100 Kilo sind es bis jetzt. BRIGITTE-Redakteurin Antje Kunstmann hat sie dabei begleitet.

Als Nächstes also der Bauch. Wir haben gerade Salat mit Linsen bestellt an diesem Freitag Ende Mai in einem Hamburger Restaurant, da ist Tanja Marfo schon beim «360-Grad-Body-Contouring», den Fettabsaugungen an Oberkörper und Hüfte, die demnächst anstehen, und der anschließenden Straffung der Bauchdecke. Sie zeigt mit den Händen, wo der Arzt das Skalpell ansetzen wird, referiert kurz über Schnittführungen. «Und später irgendwann die Oberarme», sagt sie. Da mache sie vielleicht aber auch Liposuktion und Straffung in einem. Und ganz zum Schluss natürlich die Beine.

Tanjas Kampf um ein leichteres Leben

Die 45-Jährige redet schnell. Das tut sie oft, und gerade verliere ich fast ein bisschen den Überblick. Die Ereignisdichte ist allerdings auch hoch. Wie oft war sie jetzt schon zum Fettabsaugen an den Beinen: Zweimal? Dreimal? Und waren die Oberarme nicht eigentlich vor dem Bauch geplant?

Aber der Reihe nach: Kennengelernt haben Tanja und ich uns 2021 beim Shooting für ein BRIGITTE-Dossier über die Macht der Schönheitsideale und wie man sich von ihnen befreit. Tanja wiegt zu diesem Zeitpunkt etwa 200 Kilo und ist als Unternehmerin, die Modenschauen für Mehrgewichtige organisiert, als Model und auf Social Media längst eine Body-Positivity-Ikone. «Wer sich liebt, hat immer Idealgewicht», steht in ihrem Buch «Size egal», das sie mit der Journalistin Caro Matzko geschrieben hat. Wie sehr das Gewicht sie einschränkt, merkt sie aber schon damals: «Für mich ist klar, dass mein Körper nicht dafür gemacht ist, diese große Masse zu tragen.»

Anfang 2023 lässt sie sich deshalb 80 Prozent ihres Magens entfernen, nur ein schlauchförmiges Reststück bleibt. «Ich möchte mir endlich weniger Gedanken um meinen Körper machen müssen», sagt sie, als wir uns kurz vor dem Eingriff sprechen. Ständig hat sie Schmerzen, gerät schnell außer Atem. Dazu kommen Sorgen, die ihren Alltag bestimmen: Passt sie in einen normalen Kinosessel, wird die Liege bei der MRT-Untersuchung halten, muss die Feuerwehr sie aus ihrer Wohnung abtransportieren, wenn ihr etwas passiert?

Und jeder Gang nach draußen ist für sie ein Spießrutenlauf. Vor Kurzem wurde sie angespuckt, ein Mann im Supermarkt fragte sie hämisch, in welchem Monat sie denn sei.

Selbstliebe war schon vor der OP Tanjas Motto. Verstecken wollte sie sich nie, aber endlich ohne Schmerzen und Demütigungen leben.
Selbstliebe war schon vor der OP Tanjas Motto. Verstecken wollte sie sich nie, aber endlich ohne Schmerzen und Demütigungen leben.

Endlich Ruhe, Freiheit und Frieden

Ein Jahr später, mit 50 Kilo weniger, hat sie endlich ihre Ruhe. «Was für eine Freiheit», kommentiert Tanja auf Instagram. Wie viel Kraft es sie gekostet hat, sich immer wieder Bewertung und Demütigung zu stellen, wird ihr erst klar, seit sie nicht mehr tagtäglich damit konfrontiert ist. Diese Blicke nicht mehr aushalten zu müssen – das sei Frieden für ihre Seele.

Gleichzeitig fühlt sie sich jetzt erst wirklich sichtbar. Je mehr sie abnimmt, desto mehr Komplimente erhält sie. An das erste Mal, dass ein Mann sie anflirtet, irgendwann im vergangenen Herbst, erinnert sie sich noch gut. Sie saß am Rand einer Veranstaltung, er sprach sie an, und erst, als er irgendwann nach ihrer Nummer fragte, wurde ihr seine Absicht klar. «Da muss ich offensichtlich noch etwas üben», sagt Tanja. «Ich schaue ja immer noch mit denselben Augen auf die Welt. Doch sie schaut anders auf mich zurück.»

Wobei das auch nicht so ganz stimmt. Denn nicht nur Tanjas Körper hat sich verändert. Schon direkt nach der Operation ist ein neues Gefühl in ihr Leben gekommen: das Gefühl, satt zu sein. Das kannte sie eigentlich nur aus ihrer Kindheit. Schon in der Grundschule wurde ihr vermittelt, nicht richtig zu sein: zu laut, zu groß, zu dick. Erste Diät mit zwölf, danach unzählige weitere – mal verliert sie 20 Kilo, mal 40, jedes Mal ist sie wenig später schwerer als zuvor. Eine Binge-Eating-Störung kommt dazu. «Ich war permanent damit beschäftigt zu überlegen: Was esse ich als Nächstes, wie beschaffe ich mir das, wie halte ich es vor meinem Umfeld geheim?»

Food Noise nennt es die Wissenschaft, wenn die Gedanken ständig ums Essen kreisen. Heute herrscht Ruhe in Tanjas Kopf. Ihre Beziehung zum Essen bezeichnet sie als entspannt. Sie achtet darauf, schon weil sie wegen des Schlauchmagens nur kleine Portionen zu sich nehmen kann und aufpassen muss, keinen Nährstoffmangel zu entwickeln. Wenn sie mal Lust auf einen Keks hat, dann isst sie ihn – aber eben nie mehr die ganze Packung. «Wie viel Zeit man hat, wie viel Freiraum es schafft, wenn Essen kein Thema mehr ist», sagt sie.

Antje Kunstmann und Tanja Marfo kennen sich nicht nur schon eine ganze Weile, sie teilen auch ein recht auffälliges Merkmal: Beide sind über 1,80 Meter groß.
Antje Kunstmann und Tanja Marfo kennen sich nicht nur schon eine ganze Weile, sie teilen auch ein recht auffälliges Merkmal: Beide sind über 1,80 Meter groß.

Als 2024 überraschend ihr Partner starb, lagen in ihrem Einkaufswagen plötzlich dann doch wieder Gummibärchen und Chips. Ein Rückfall in alte Muster, als all das für sie auch Trost war. Befriedigt haben sie die Knabbereien abends auf dem Sofa allerdings nicht.

Nach einer Magenverkleinerung kann es zu Suchtverschiebungen kommen: Die Betroffenen essen dann nicht mehr exzessiv, entwickeln aber etwa ein Alkoholproblem. «Man muss sich mit dem Thema Emotionsregulation auseinandersetzen und damit, was in belastenden Situationen helfen kann», sagt Tanja. Bei ihr ist Sport zum Ventil geworden. Sie ist stolz, dass sie schon vor der Magen-OP ihre Scheu vor dem Fitnessstudio überwunden und regelmäßig trainiert hat. Inzwischen lässt sie dort viermal in der Woche Trauer und Wut, lädt sich mit dem guten Gefühl auf, ihren Körper zu spüren und stärker zu werden.

«Zu sehen, wie viel in mir steckt, macht mich sehr glücklich», sagt Tanja und fügt dann lachend hinzu: «Für meine Freundinnen ist es manchmal schlimm, denn ich habe Energie für zehn. Wenn sie abends nach Hause wollen, bin ich noch lange nicht müde.» Ihr Körper passe jetzt besser zu ihrem aktiven Geist. «Ich habe so viel dazugewonnen. Meine mentale Gesundheit ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, als wäre ich nicht mehr dieselbe Person.»

Auch seelischen Ballast konnte sie hinter sich lassen. Das begann schon vor der Magen-OP, als sie endlich begriff, dass ihr Gewicht nicht ihr persönlicher Fehler ist, sondern eine Krankheit. Bis dahin waren Selbstzweifel ihr ständiger Begleiter: «Ich habe mich so schuldig gefühlt. Schuldig, wenn ich zum Arzt gegangen bin. Schuldig, wenn ich nicht hingegangen bin. Ich habe mich geschämt, weil ich dick bin. Ich habe mich geschämt, weil ich es nicht allein schaffe.»

Das bedeutet Selbstliebe

Sie steht immer noch dazu, dass niemand das Recht hat, andere nach dem Gewicht oder anderen körperlichen Merkmalen zu bewerten. Aber sie setzt sich gleichzeitig dafür ein, Menschen mit Adipositas zu motivieren, sich helfen zu lassen, wenn sie denn abnehmen wollen. Für sie kein Widerspruch: «Body Positivity und Gesundheit sind zwei unterschiedliche Themen, und Selbstliebe bedeutet für mich nicht nur, sich anzunehmen, wie man ist, sondern auch die Möglichkeit zu haben, sich zu verändern, wenn man es möchte.»

Und wann ist diese Veränderung bei ihr abgeschlossen? Lange sagte sie, ein Zielgewicht habe sie nicht. Doch als der Prozess Anfang des Jahres stagnierte, wollte sie sich nicht damit abfinden. Deshalb nutzt sie seit zwei Monaten zusätzlich die Abnehmspritze als Hilfe und hat weitere zwölf Kilo verloren. Ein «U-Hu» zu werden, also unter 100 Kilo zu kommen, sei ihr jetzt schon wichtig: «Es geht mir nicht um Perfektion oder darum, schlank zu werden. Ich möchte einfach das Gefühl haben, dass es für mich passt – und da bin ich noch nicht.»

Manchmal fühlt sie sich noch zu dick, manchmal vertut sie sich und kauft Kleidung, die ihr schon seit einer Weile zu groß ist. Ein bisschen wird es wohl noch dauern, bis sie ganz in ihrem Körper ankommt und nicht nur die Zahl auf der Waage für sie stimmig ist.

Lose Haut hat Tanja inzwischen überall, besonders viel am Bauch. Mehrere Kilo wird sie durch die Straffung verlieren. Dazu kommt ein Lipödem, eine Fettverteilungsstörung. Deshalb die Absaugungen. Tanja hat Respekt vor den Eingriffen, aber die Vorfreude überwiegt. «Irgendwann, vielleicht in einem Jahr, wird man meinem Körper nicht mehr ansehen, wie viel er mal gewogen hat.»

Dass ihre Reise zu Ende geht, kann sie sich noch gar nicht richtig vorstellen. «Was kommt dann wohl?», fragt sie nachdenklich. «Vielleicht muss ich mir dann ein neues Projekt suchen.»

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