Traum vom Auswandern: Drei Auswanderinnen erzählen, wie es wirklich ist

Bloß weg hier – diese Gedanken teilen wohl viele gerade. Auswandern, das wär’s! Ist das naiv? Drei Frauen erzählen davon, wie das Leben im Süden wirklich ist.

«Hier zu leben ist einfach nochmal eine ganze andere Hausnummer»

Zita und Carlos
Zita Avak, 32, lebt mit ihrem Partner Carlos seit zwei Jahren im Dorf Vittorito in den italienischen Abruzzen.

«Schon seit meiner Kindheit sind wir in die Abruzzen in den Urlaub gefahren. Ich habe immer gesagt, hier fühle ich mich, wie auf einem anderen Planeten. Hierherzuziehen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Damals habe ich noch in einem Konzern in München gearbeitet. Unser Leben hatte ich mir klassisch vorgestellt. Aber durch Zufall ergab sich 2023 die Option, ein 450 Jahre altes Haus im Ort Vittorito zu übernehmen. Während unserer vorangegangenen Weltreise waren mein Partner und ich deutlich offener geworden für andere Lebensmodelle. Und jetzt leben wir hier mit unserem knapp zwei Jahre alten Kind und bieten Kochreisen und Gästezimmer an. 

Nach außen hin sieht das aus wie ein idyllisches Traumleben. Aber es ist natürlich auch sehr arbeitsintensiv. Wir arbeiten deutlich mehr als bei unseren Vollzeitjobs in München. Trotzdem kommt mir das Leben entschleunigter vor. Man geht hier nicht einfach mal schnell raus, um etwas zu erledigen. Weil man auf dem Weg dorthin mindestens drei Leute trifft, ein Käffchen trinkt, vom Nachbarn noch Gemüse aus dem eigenen Garten geschenkt bekommt. Es ist so viel persönlicher. 

Egal, wie dringend hier etwas ist, es ist immer noch Zeit, sich kurz zu unterhalten. Auch, wenn wir einen stressigen Arbeitsalltag haben, wird er immer wieder durch diese Mentalität gebremst. Die Uhren ticken hier anders. Wirklich: Ein Arzttermin um zehn Uhr bedeutet nicht, dass man dann auch wirklich dran ist. Man wartet oft Stunden, weil alle einen Termin um zehn bekommen haben – und dann geschaut wird, wann wer eintrifft. Hier zu leben, ist einfach nochmal eine ganze andere Hausnummer, als nur Urlaub zu machen. 

Das habe ich auch in Bezug auf Freundschaften gespürt. Ich spreche sehr gut Italienisch, mein Partner inzwischen auch, und deshalb habe ich schon damit gerechnet, dass wir uns vielleicht leichter tun, enge Kontakte zu knüpfen. Weil die Italiener grundsätzlich ja sehr offen und interessiert sind. Durch unser Kind sind wir viel auf Spielplätzen und lernen andere Eltern kennen. Trotzdem ist es noch nicht so, dass man zum Geburtstag eingeladen wird. Es bleibt dann auf diesem Bekanntschaftsgrad. Man sagt hier ‚fare bella figura‘, man will auf allen Ebenen einen guten Eindruck machen. Über Probleme wird eher nicht gesprochen, auch nicht über Politik oder Finanzielles. Das hat einen positiven Effekt, weil man damit dem anderen eine Art Grundpositivität mitgeben möchte. Auf der anderen Seite entsteht dadurch auch eine leichte Oberflächlichkeit. Aber diese tiefere Ebene, die fehlt uns hier tatsächlich aktuell noch sehr. Aber das braucht eben Zeit. Angekommen fühlen wir uns trotzdem jetzt schon.»  

«Materielles hat hier einen ganz anderen Stellenwert»

Kim Ahrens
Kim Ahrens, 35 Jahre, lebt seit 2022 auf der griechischen Insel Zakynthos.

«Ich bin in Baunatal in der Nähe von Kassel aufgewachsen und lebe jetzt seit vier Jahren auf Zakynthos, einer griechischen Insel im Ionischen Meer. Und das, kann man sagen, ist schon ein krasserUnterschied

Im Sommer ist hier auf der Insel super viel los. Manchmal sind hier so viele deutsche Touristen, dass ich gar nicht merke, dass ich in Griechenland bin. Aber im Winter ist es dafür extrem leer, bloß in der Innenstadt haben dann noch ein paar Restaurants und Shops geöffnet. Weil die Insel vom Tourismus lebt, verlassen viele Griechen die Insel über die Wintermonate und gehen zum Arbeiten nach Athen. Ich selbst bleibe hier, weil ich selbstständig und online arbeite. 

Das ist einerseits wunderschön, weil ich den kilometerlangen Strand bei den Hundespaziergängen dann für mich habe, der im Sommer vollgestellt ist mit Sonnenliegen. Aber ich hätte damals schon gedacht, dass hier im Winter ein bisschen mehr los ist. Das kann auch schon mal langweilen. Auch shoppen gehen kann man nicht, dafür müsste man aufs Festland fahren. Man kann zwar alles herbestellen, aber da es eine sehr windige Insel ist, fallen Fähren und Flüge auch mal aus. Und dann dauert so eine Postlieferung echt lange. 

Allerdings vermisse ich es hier gar nicht, nicht shoppen gehen zu können. Früher war ich gefühlt jeden zweiten Tag bei Ikea, um etwas für die Wohnung zu kaufen. Hier spielt sich der ganze Alltag draußen ab. Die Wohnung verliert dadurch an Gewichtung, das Materielle hat hier einen ganz anderen Stellenwert. Heute finde ich andere Dinge wichtiger: Genuss, Entspannung, einfach nur Spazierengehen. Dazu kommt, dass ich in den meisten Monaten die Garantie meines Lieblingswetters habe: Hitze, ich liebe Hitze. Aber ich merke hier auch mehr als in Deutschland die Auswirkungen des Klimawandels. Wir haben gerade erst wieder Alarm wegen eines Waldbrandes bekommen. In den Monaten Juli und August sind es fast durchgehend 40 Grad, das ist belastend für den Körper. Und dann geht selbst das Spazierengehen nicht mehr.»

«Nur den Mistralwind, den habe ich unterschätzt»

Auswandern: Sarah
Sarah Belhareth, 39, ist 2014 in die Provence ausgewandert

«Als mir mein Partner das erste Mal den Ort gezeigt hat, aus dem er kommt, kam mir das vor wie Disneyland. So unwirklich schön. 2014 bin ich dann zu ihm ausgewandert, in die Nähe von Avignon. Seitdem sind wir einige Male umgezogen, aber immer in der Provence geblieben. Wir haben auch mal in Vororten gewohnt, in die sonst kein Tourist geht. Da war ich anfangs etwas überrascht. Man kennt die Provence aus Katalogen: Wunderschöne Dörfer und Lavendelfelder. Aber es gibt eben auch Viertel, wo viel Graffiti an den Wänden und Dreck auf der Straße ist, wo man etwas aufpassen muss. Neben unserer Wohnung war eine Boulangerie, die wurde einmal ausgeraubt. 

Ich komme aus Ostfriesland, sehr behütet, und das hatte ich so nicht auf dem Schirm gehabt. Überhaupt hat mich der Alltag sehr schnell eingeholt, auch, weil mein Partner gearbeitet hat. Also habe ich mich auch um Arbeit gekümmert. Dafür musste ich als Erstes mein Französisch verbessern, denn mit Englisch kommt man in Südfrankreich nicht weit. Deshalb habe ich dann erstmal im Verkauf gejobbt. Bis heute weiß ich nicht, wie sie mich einstellen konnten, mein Französisch war wirklich nicht besonders gut. Aber die Franzosen sind da recht offen, wenn sie merken, dass man es versucht. Es war, glaube ich, sehr unterhaltsam für alle. Inzwischen gibt es ja auch Übersetzungs-Apps, aber selbst das reicht nicht, um echte soziale Beziehungen aufzubauen. Es hat bei mir knapp zwei Jahre gedauert, bis ich Wortwitz hatte und feiner kommunizieren konnte. 

Heute arbeite ich in einem französischen Unternehmen und führe den Online-Shop La Sariette, über den ich regionale Produkte verkaufe. Bereut habe ich meine Auswanderung nie, es ist für mich ein großes Abenteuer. Selbst den Winter finde ich sehr angenehm. Nur den Mistralwind, den Wind der Provence, den habe ich unterschätzt. Man hat mir zwar davon erzählt, aber ich wollte es nicht glauben. Das sind Windböen von bis zu 100 km/h, wirklich schrecklich. In der Zeit des Mistrals merkt man richtig, wie man gereizter ist, weil der Wind so aggressiv ist. Dafür schiebt der Wind natürlich die Wolken weg – und die Sonne kommt raus.» 

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