Viele unserer Kindheitshelden aus den 70ern, 80ern und 90ern hatten ziemlich spezielle Charaktereigenschaften und haben ihre Probleme oft auf, nun ja, etwas fragwürdige Weise gelöst. Trotzdem erinnern wir uns mit ganz viel Wärme an sie. Warum?
Als ich ein Kind war, durfte ich pro Tag eine halbe Stunde fernsehen. Weder wusste ich, was das bedeutete, eine halbe Stunde, noch, was im TV laufen würde. Es war mir beides auch egal. Ich drückte auf den Knopf unten am Röhrenfernseher und schaltete den Kinderkanal ein. Oft kam «Heidi», die Animationsserie von 1974. Ich war fasziniert. So fasziniert, dass auch, als die Serie dann irgendwann nicht mehr lief, ich es auch nicht mehr tat, wortwörtlich: Ich robbte mich ganze Nachmittage von Zimmer zu Zimmer und spielte, ich wäre Klara, Heidis Freundin, die in der Serie im Rollstuhl sitzt (den ich allerdings nicht hatte).
Rückblickend lässt sich wohl behaupten: Die Geschichte von Heidi hatte Einfluss auf mich. Bis heute höre ich die Titelmusik der Serie, wenn es mir schlecht geht, als Katapult in unbeschwerte Zeiten und Instant-Mood-Booster.
Nostalgische Gefühle trotz brutalem Plot
Dabei ist die Geschichte von Heidi, wie so viele Kindersendungen und -filme von früher, im Grunde tieftraurig: Heidis Eltern sind tot, sie wird auf eine Almhütte mitten ins Nirgendwo verbannt, kommt dann in eine ihr fremde Stadt, in der sie von ihrer Erzieherin gemobbt wird. Aber immerhin ist Heidi clever und benimmt sich nicht komplett daneben, jedenfalls meistens.
Manchmal liefen aber auch Sendungen, die heute bei Eltern für noch mehr Empörung sorgen würden: Da wurde sich mit Bratpfannen über den Kopf gehauen, unartige Kinder bekamen Strafen, Prinzessinnen zehrten sich nach Liebe der Prinzen, und ab und an wurde auch mal was in die Luft gesprengt. Aber hat mich das nachhaltig verstört?
Kürzlich habe ich durch Zufall einen kurzen Ausschnitt aus einer anderen Sendung aus meiner Kindheit gesehen, «Wickie und die starken Männer». Ich konnte nicht fassen, was ich dort sah – oder viel mehr hörte: Die sogenannten starken Männer scheuchten ihre Frauen in die Küche, lachten über sie und bezeichneten sie als Schlampen. Die Misogynie, die in dieser Zeichentrickserie, ebenfalls von 1974, als normal verkauft wurde, hätte all meine feministischen Ambitionen lahmlegen können. Hat sie aber nicht. Im Gegenteil: Ich habe mich schon als Mädchen gefragt, was das eigentlich soll. Und fand es gleichzeitig auf sehr abstrakte Weise erfrischend, dass ich nicht wusste, ob Wickie nun ein Junge oder ein Mädchen war. Und das für mich auch überhaupt keine Rolle spielte.
Meine Kinderaugen sahen nur das Schöne
Während Wickie ihre oder seine Probleme mit Cleverness löste, war das beim «Pumuckl» etwas anderes: Der rothaarige Kobold lebte Kindern vor, wie man Schabernack treibt. Pumuckl flunkerte, ärgerte, zerstörte. Und sein Meister Eder erzog ihn bedürfnisorientiert? Nö. Der saß vornehmlich in einer Wirtschaft und soff sich den Alltag schön. Klingt rückblickend nach einer recht toxischen Beziehung zwischen den beiden, dennoch habe ich vor allem den Witz und die liebevollen Neckereien in Erinnerung. Nicht in Erinnerung habe ich dafür all das Bier, das der Meister Eder im Laufe der Sendungen trank. Liegt vielleicht daran, dass die Farbe sehr der von Apfelsaftschorle ähnelt. Und mir das als Kind ziemlich harmlos vorkam.
Und wem Pumuckls Zerstörungswut schon zu gewaltig war, der sollte den Fernseher zur Sendezeit von «Tom und Jerry» lieber ganz vom Strom nehmen. Gewalt war der rote Faden der ganzen Sendung, die von 1940 bis 1967 produziert wurde. Es wurde ad absurdum geschlagen, verbrannt, ertränkt, zerquetscht, gejagt – so, dass ich als Kind keine Bezüge mehr zur Realität herstellen konnte. Es war einfach zu viel, die Gewalt verlor durch die Bizarrheit ihre Bedrohlichkeit. Das heißt allerdings nicht, dass Gewalt in Medien, vor allem in aktiven Medien wie Computerspielen, keinen Einfluss auf die Entwicklung haben muss. Studien zeigen, dass es durchaus Zusammenhänge in der späteren Gewaltbereitschaft, vor allem bei Jungen, geben kann.
Die moderne Prinzessin ist normalgewichtig
Aber es gab ja auch noch die vermeintlich vollkommen reinen Seelen, die, der Disney Prinzessinnen. Seit dem Jahr 1937, als «Schneewittchen» das erste Mal über die Fernseher tänzelte, überzeichneten die Prinzessinnen unsere Vorstellungen von Weiblichkeit: Wespentaille, Rehaugen, Seidenhaar, Storchenbeine, Engelstimme. Und selbst den Tierfiguren wie der Hündin Susi aus «Susi und Strolch» oder der Katze Duchesse aus «Aristocats» wurden von Disney Klimperwimpern um die Augen gezeichnet. Wofür? Um dem Prinzen zu gefallen. Manchmal reichte auch ein Straßenköter.
Was macht das mit der Selbstwahrnehmung von jungen Mädchen? Gar nicht mal so viel, wie Forschende der University of California um Jane Shawcraft 2023 in einer Studie mit 340 Kindern herausgefunden haben. Ist eine Prinzessin zu dünn, bleiben die negativen Auswirkungen auf das eigene Körperbild aus. Anders verhält es sich jedoch mit normalgewichtigen Prinzessinnen, wie «Vaiana» aus dem Jahr 2016. Meist sind diese Figuren auch in ihren Geschichten aktiver, es geht darin weniger um ihren Körper als Teil ihrer Rolle. Deshalb können diese Prinzessinnen jungen Mädchen ein ausgesprochen positives Bild ihres eigenen Körpers gegenüber vermitteln.
Fernsehen war kein Teil der Erziehung
Unsere Kindheitshelden von früher hatten also trotz Magerwahn, Rebellion und Wutanfällen vielleicht keinen besonders schlechten Einfluss auf unsere Entwicklung. Aber eben auch keinen besonders guten. Sie hatten aber auch gar nicht den Anspruch, pädagogisch wertvoll zu sein – weil es eben nur eine halbe Stunde am Tag war, eine kleine Pause, und nicht ein Erziehungsersatz. Dass die Debatte um die Medienzeit von Kindern heute lauter ist, ist klar, schließlich begrenzen sich Medien nicht mehr auf den Kinderkanal. Es geht hier um Smartphones, Tablets, Fernseher, Tonie-Boxen, Netflix, Amazon. Es geht um das Internet und die sozialen Medien. Im Gegensatz zu all dem, denke ich, waren selbst Tom und Jerry ziemlich harmlos.
Und wenn es dann doch mal zu doll wurde, gab es auch schon damals Möglichkeiten der Intervention. Nur deshalb ist mein Lieblingsfilm aus meiner Kindheit «Bambi». Genau, der Film, bei dem die Mutter getötet wird – wie ich jetzt weiß. Denn zufällig war die halbe Stunde Fernsehzeit immer genau kurz vor der brutalen Wendung vorüber.
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