Was kann ich in meinen 30ern tun, um mich optimal auf die Wechseljahre vorzubereiten, fragt sich unsere Autorin. Und spricht daher mit Dr. Mareen Seeck-Hirschner alias Dr. Reni.
BRIGITTE: Ich bin Anfang 30, habe einen regelmäßigen Zyklus und unauffällige Werte. Kann ich jetzt auch damit rechnen, dass meine Wechseljahre weniger aufwühlend ausfallen, oder wird da nochmal neu gelost?
Dr. Reni: Ganz neu gelost wird nicht. Aber Ihre Werte sagen darüber leider wenig. Ich frage die Frauen in meiner Sprechstunde immer ganz am Anfang, bevor wir über etwas anderes reden: Hast oder hattest du PMS? Wie ist es mit der Pilleneinnahme – hat man sich da deutlich verändert? Viele haben ja auch ein Kind geboren – haben sie sich nach der Geburt depressiver gefühlt? Es geht dabei nämlich um die Empfindlichkeit bei hormonellen Veränderungen, vor allem, was die Stimmung angeht. Da können alle Werte tadellos sein.
Woher weiß ich denn, welches Empfinden bei hormoneller Veränderungen normal ist – und welches vielleicht schon extrem?
Bei der Pille können Sie zum Beispiel schauen, ob Sie sich nach der Einnahmeextrem gereizt gefühlt haben. Oder, wenn Sie während Ihrer PMS-Beschwerden nicht nur zwei Tage flach liegen, sondern sich eine ganze Woche schlecht fühlen. Oder, wenn Sie eine PMDS haben, die schwere Form von PMS. Da ist man nicht nur schlecht gelaunt, sondern die Stimmung kippt so stark, dass der Alltag zusammenbricht, manchmal bis hin zu Suizidgedanken. Das kann ein Hinweis sein, dass eine Frau auf hormonelle Veränderungen besonders empfindlich reagiert. Die Hormone selbst sind dabei oft ganz normal. Frauen mit starken prämenstruellen Beschwerden haben auch im Übergang häufiger Stimmungsprobleme. Vorhersagen lässt sich das für die einzelne Frau aber nicht.
Wenn ich ohnehin schon jeden Monat durch PMS hormonelle Veränderung im Körper spüre, wie kann ich diese dann von den Wechseljahren unterscheiden?
Es sind auf jeden Fall nicht die typischen Hitzewallungen, die kommen oft erst später. Wer auf die Hitzewallungen wartet, hat den Anfang schon verpasst. Das erste Anzeichen ist fast immer ein veränderter Zyklus. Er wird unregelmäßiger: mal 26 Tage, dann 35 Tage, dann wieder 29 und dann 38. Wenn zwei aufeinanderfolgende Zyklen mehr als sieben Tage auseinanderliegen und sich das wiederholt, ist das ein typisches Übergangssignal. Wichtig: Unter hormoneller Verhütung lässt sich der natürliche Zyklus oft nicht beurteilen. Bei der klassischen Pille ist die Blutung in der Pause eine Abbruchblutung. Viele merken den Übergang deshalb erst, wenn sie die Verhütung absetzen.
Und was ist das erste Anzeichen, das ich wirklich spüre?
Das ist meist veränderter Schlaf. Man schläft nicht unbedingt schlechter ein, aber man wird so gegen drei, vier Uhr wach, obwohl man nichts verändert hat.

Kann man prognostizieren, wann die Veränderung losgeht?
Dazu kann man einfach mal die eigene Mama fragen, wann es bei ihr angefangen hat. Der Zeitpunkt der Wechseljahre wird ziemlich stark vererbt, das weiß man aus Schwestern- und Zwillingsstudien. Das heißt natürlich nicht, dass es bei jeder Frau genau so sein muss. Beim Zeitpunkt redet die Familie mit, aber vieles hat jede Frau auch selbst in der Hand. Wer zum Beispiel raucht, kommt wahrscheinlich früher in die Wechseljahre und hat auch häufiger Hitzewallungen. Und wenn sich der Zyklus schon vor 40 deutlich verändert oder die Mutter sehr früh dran war, gehört das ärztlich abgeklärt.
Kann ich mich auf diese Phase vorbereiten?
Ja, das nennt man auch hier Prävention. Wir Mediziner suchen natürlich immer nach Diagnosen, um zu benennen und zu behandeln. Aber eine Diagnose ist ja meist schon das Ende der Geschichte. Ich hab zum Beispiel Patientinnen, die sitzen mit 58 Jahren und einer diagnostizierten Osteoporose da und fragen sich, warum ihnen das niemand vor zehn Jahren gesagt hat. Und das ist das Bittere an einer Prävention. Man merkt es nie, wenn es funktioniert, aber wenn es dann nicht mehr funktioniert, dann merken wir es umso heftiger.
Was kann ich heute konkret tun, damit meine Beschwerden später geringer ausfallen?
Das Wichtigste sind Muskeln und Knochen. Unsere Knochen sind mit Ende 20, Anfang 30 am dichtesten. Danach geht es darum, das zu halten. Und das ist wichtig, denn rund um die letzte Blutung baut der Knochen deutlich schneller ab. Bei den Muskeln ist es ähnlich: Ab etwa 30 werden es mit jedem Jahrzehnt ein bisschen weniger, wenn man nichts dafür tut. Beides lässt sich vor allem über Belastung beeinflussen. Deshalb gehören für mich Krafttraining und Bewegung dazu, die die Knochen fordern. Schwimmen oder Yoga tun gut, aber für die Knochen reicht das nicht. Dazu ausreichend Eiweiß und Kalzium. Und ich sehe in meiner Praxis bei vielen jungen Frauen niedrige Vitamin-D-Werte. Deshalb würde ich den Spiegel schon früh einmal bestimmen lassen. Den Zyklus kennen, zur Vorsorge gehen und Beschwerden ernst nehmen, wenn man zu stark blutet oder sich müde fühlt – dann auch den Ferritinwert bestimmen lassen, also den Eisenspeicher. Und ich denke bei Vorsorge nicht nur an Hormone, sondern auch an Herz und Gefäße. Deshalb würde ich einmal im Leben das Lipoprotein(a) bestimmen lassen, einen genetisch festgelegten Risikofaktor für Herz und Gefäße. Wenn man davon weiß, kann man präventiv arbeiten und besser für sich sorgen.
Und im Alltag?
Aufhören zu rauchen, gesund essen, Treppe statt Aufzug. Morgens zehn Minuten rausgehen, Eiweiß zum Frühstück.
Klingt eigentlich gar nicht so schwer. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass nur wenige 30-Jährige schon daran denken. Warum ist die Menopause so selten Thema bei jüngeren Frauen?
Mein Eindruck ist da ein ganz anderer. Vor fünf Jahren hätte ich Ihnen wahrscheinlich tatsächlich zugestimmt, aber heute sitzen schon 35-jährige Frauen in meiner Praxis vor mir, weil sie richtig Angst haben. Weil sie durch Social Media viele Leidensgeschichten hören und sich nur denken: Oh Gott.
Berechtigt?
In Japan nennt sich diese Phase kōnenki, das bedeutet Zeit der Erneuerung. Und das finde ich eigentlich ziemlich treffend. Und wenn man es so sieht, kann das schon etwas Sorge nehmen. Auf Social Media erzählen natürlich nur die Frauen von ihren Beschwerden, die welche haben. Aber ein Drittel aller Frauen haben auch gar keine Beschwerden. Man darf da entspannter reingehen.
Was sollte sich dafür in der öffentlichen Debatte ändern?
Es sollte mehr darüber gesprochen werden, dass es für viele Frauen auch ein wahnsinniger Türöffner sein kann, einfach mal hinzugucken und die Entscheidung zu treffen, ey, was will ich eigentlich überhaupt vom Leben und wo geht’s eigentlich jetzt hin, in welche Richtung will ich? Man wird durch den Körper gezwungen, einfach mal richtig hinzugucken. Das ist dann vielleicht zum ersten Mal echte Selbstfürsorge. Und das ist das Revolutionäre an der Phase. Deshalb heißt das Buch auch Female Revolution.
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