Im BRIGITTE-Gespräch erklärt die Schmerzmedizinerin Dr. Louise Reisner-Sénélar, warum neue Wege gegen chronische Schmerzen auch mehr Selbstbestimmung für Patientinnen bedeutet.
BRIGITTE: Was macht Fasten zu einem Schmerzmittel?
Dr. Louise Reisner-Sénélar: Es wirkt sehr stark entzündungshemmend, und zwar im gesamten Körper. Das ist das, was Fasten am besten gegen Schmerzen leistet. Dazu kommen dann noch viele andere Faktoren.
Welche zum Beispiel?
Fasten macht glücklicher. Wenn die ersten schwierigen Tage überstanden sind, verändern sich bestimmte Hormonspiegel, zum Beispiel die von Dopamin und Serotonin, und wir werden zufriedener und haben mehr Energie.
Obwohl wir weniger zu uns nehmen?
Ja, denn unser Körper stellt auf einen anderen Stoffwechsel um: von der Verbrennung von Zucker auf die Verbrennung von Fett. So entsteht ein neuer Brennstoff in unserem Körper, sogenannte Ketonkörper. Sie tun dem Gehirn gut, sodass wir zufriedener werden, und wirken gleichzeitig entzündungshemmend. Das gilt auch für den Zellputz, wissenschaftlich spricht man von Autophagie, mit dem die Zellen beginnen, wenn sie keine Energie mehr von außen bekommen.
Und warum hilft ausgerechnet diese Entzündungshemmung gegen Schmerzen?
Weil sehr viele chronische Schmerzerkrankungen mit niedrigschwelligen Entzündungen einhergehen. Man spricht auch von «silent inflammation», also stiller Entzündung. Alles, was diese Entzündungen reduzieren kann, ist ein potenzielles Mittel gegen Schmerzen.
Bei welchen Schmerzerkrankungen lohnt sich Fasten besonders?
Bei Rheuma und generell rheumatischen Erkrankungen ist der Nutzen sehr gut belegt. Arthrose ist ebenfalls ein Entzündungszustand. Das Fasten stellt natürlich nicht das Gelenk wieder her, aber es trägt dazu bei, die Entzündungen, die darum herum entstehen, zu reduzieren. Auch wenn es nicht das Ziel des Fastens ist, abzunehmen, tut etwa bei einer Kniearthrose zusätzlich die Gewichtsreduktion gut. Rückenschmerzen sind ein weiterer Bereich, denn auch sie sind mit Entzündungen an Gelenken, Muskeln und Bändern verbunden.
Und wo wirkt Fasten nicht so gut?
Unter anderem bei Nervenschmerzen, etwa nach einer Gürtelrose, durch eine Trigeminusneuralgie oder eine Polyneuropathie. Wenn Nerven angegriffen sind, kann Fasten diese nicht wiederherstellen.
Bei Rückenschmerzen weiß man: Wer unter Stress steht, hat ein höheres Risiko zu chronifizieren. Beeinflusst Fasten auch diese psychische Komponente?
Neben den körperlichen Effekten kann Fasten auch ein Stück Selbstbestimmung zurückbringen. Es gibt einem das Gefühl «Ich kann selbst etwas tun» und das ist so wichtig, wenn man unter einer chronischen Erkrankung leidet. Wenn man fastet und es geschafft hat, fühlt sich das fantastisch an, aber meist rutscht man nach einigen Wochen wieder in alte Gewohnheiten. Das geht mir auch so. Fasten ist ein Tool, das man immer wieder verwenden kann, um zurück in diesen Wohlfühlstatus zu kehren.
Ich selbst habe Migräne und habe es mal mit Intervallfasten probiert. Da hatte ich eher das Gefühl, die Migräne wird schlimmer.
Das Thema Migräne ist tatsächlich schwierig, denn die Schwankungen des Blutzuckers beim Fasten, der schlechtere Schlaf und die Tatsache, dass man seine Routine bricht, können Attacken provozieren. Die ersten ein bis vier Tage können sehr, sehr schlimm sein. Wenn man es schafft, kann Fasten ein sehr, sehr gutes Werkzeug bei Migräne sein. Aber man sollte wissen, dass es nicht immer klappt. Dann abzubrechen und lieber dafür zu sorgen, dass der Blutzuckerspiegel durch drei Mahlzeiten am Tag stabil ist, ist okay.

Welche Art des Fastens ist denn die richtige?
Das hängt von der Ausgangsposition und dem Setting ab. Wer noch nie gefastet hat, für den ist Intervallfasten ein guter Einstieg. Man beginnt erstmal mit 12 Stunden Essenspause, erhöht dann auf 14 und kommt am Ende vielleicht zu 16. Wer sich schon mit Intervallfasten und generell gesunder Ernährung beschäftigt hat, für den ist die «Fasting Mimicking Diet» oder Scheinfasten eine Möglichkeit. Dabei trickst man den Körper mit 300 bis 600 Kalorien aus viel pflanzlichem Fett, ohne Protein und mit langkettigen, schwer verdaulichen Kohlenhydraten, sozusagen ein bisschen aus.
Kurze Zwischenfrage: Was darf man denn dann zu sich nehmen?
Linsen, Nüsse, Gemüse, Oliven- und Leinöl, Roggen, Quinoa, Chiasamen, aber alles nur in kleinen Mengen. So erreicht man ebenfalls die positiven Fasteneffekte, also Zellputz, Stoffwechsel- und Hormonumstellung, aber ohne zu sehr zu hungern. Das Heilfasten, bei dem man nur Gemüsebrühe oder -saft und nicht mehr als 200, 250 Kalorien täglich zu sich nimmt, ist dann die Königsdisziplin.
Kann man damit auf eigene Faust loslegen?
Wer wirklich kerngesund ist und keine Medikamente nimmt, schon, aber bei Vorerkrankungen würde ich immer mit der Ärztin oder dem Arzt darüber sprechen. Fasten ist nichts, das man einfach mal so macht, sondern braucht etwas Vorbereitung und ist anstrengend. Man sollte es zum Beispiel auch nicht in einer Zeit machen, in der man eh schon viel Stress hat und 60 Stunden die Woche arbeitet.
Kann Fasten gefährlich werden?
Nur wenn man es unvorbereitet macht oder Medikamente nimmt, deren Wirkung auf den Körper sich beim Fasten verändert. Aber eigentlich ist unser Körper fürs Fasten gebaut. Er wartet sozusagen nur darauf, einmal Pause vom ständigen Essen zu haben. Sonst hätten wir als Spezies gar nicht überlebt. Früher in der Savanne gab es auch nicht jeden Tag drei Mahlzeiten.
Wer chronische Schmerzen hat, hat oft schon viel versucht, sie loszuwerden. Wie viel Hoffnung dürfen Betroffene ins Fasten setzen?
Ein Wundermittel ist es nicht. Es gibt kein Heilsversprechen: Fasten Sie und dann ist alles gut. Fasten ist Teil einer Therapie, die aus Physiotherapie, Bewegung, Medikamenten, Ernährung, Entspannungsverfahren und Meditation besteht und daraus, zu lernen, mit den Schmerzen umzugehen. Alle diese Komponenten spielen eine Rolle und greifen ineinander, keine davon kann alleine stehen, auch das Fasten nicht. Lindern kann es aber auf jeden Fall.
Abseits vom Fasten: Was kann Ernährung in Sachen Schmerzlinderung?
Sehr viel. Auch die Ernährung kann antientzündlich wirken. Die heutige Ernährung mit Fertigprodukten, viel Salz, Zucker, Zusätzen und Konservierungsstoffen wirkt entzündungsfördernd. Wenn jemand übergewichtig ist, befeuert zusätzlich das Fettgewebe entzündliche Prozesse. Gut ist eine überwiegend pflanzliche, abwechslungsreiche Ernährung. Sie sorgt auch für ein gesundes Mikrobiom und fördert Bakterien, die eine Schutzschicht auf den Darmzellen bilden. Kommt der Darminhalt dagegen in direkten Kontakt mit den Zellen, weil durch viel Zucker und Fleisch die falschen Bakterien im Mikrobiom sind, gehen die Zellen und die Verbindungen zwischen ihnen kaputt und entzündungsfördernder Darminhalt gelangt in den Körper.
Wie sind Sie als Ärztin dazu gekommen, sich mit dem Fasten zu beschäftigen?
Ich bin seit 20 Jahren Schmerzmedizinerin. Anfangs denkt man, man liest die Lehrbücher, gibt diese Diagnose und jenes Medikament und dem Patienten geht es besser. Aber dann stellt man fest, dass das nicht immer funktioniert oder dass Medikamente Nebenwirkungen haben. Deswegen habe ich mich auf die Suche gemacht und über ein Buch von Professor Andreas Michalsen die Naturheilkunde kennengelernt. Danach habe ich mich selbst in der Naturheilkunde weitergebildet. Inzwischen sehe ich diese als eine großartige Ergänzung zur Schulmedizin und vor allem Fasten und Ernährung als Wege, Patienten mehr Autonomie zu geben.
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