Kurzzeittherapie: Wächst man wirklich an Schicksalsschlägen?

Franca Cerutti fragt sich, ob Leiden immer für etwas gut sein muss.

Wenn Menschen Schweres durchmachen, eine Trennung, eine Krankheit, einen Verlust, dann gibt es diesen Satz, auf den das Umfeld regelrecht zu warten scheint: «Ich bin daran gewachsen.» Durch dieses tröstliche Statement bekommt das Leid nachträglich einen Sinn. Freundinnen nicken anerkennend. Und tatsächlich glaubt man es selbst – meistens. Aber manchmal meldet sich ein heimlicher Zweifel: Stimmt das? Oder erzähle ich mir das, weil die Alternative so schwer auszuhalten wäre – dass mir das Schicksal Wunden geschlagen hat, die einfach nur wehtun, sonst nichts? 

Franca Cerutti
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin und podcastet unter dem Label «Psychologie to go!». Wer ihr gern bei Instagram folgen möchte: @franca_cerutti_psychologie.
© Immo Fuchs

Gibt es posttraumatisches Wachstum?

Seit den Neunzigerjahren sprechen wir über posttraumatischesWachstum, darüber, dass Menschen sich nach schweren Erfahrungen tiefgreifend verändern – empathischer werden, klarer in ihren Prioritäten, dankbarer. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen berichtet in Studien von solchem Wachstum. Das ist ermutigend. Doch die neuere psychologische Forschung dämpft den Befund: Was die meisten Studien messen, ist nicht tatsächliche Veränderung, sondern das Narrativ. Menschen werden rückblickend gefragt, wie sehr sie gewachsen sind – und ihre subjektiven Einschätzungen decken sich kaum mit dem, was sich objektivierbar verändert hat. Studien, die Menschen vor und nach belastenden Erfahrungen begleiten, finden im Durchschnitt keine positiven Persönlichkeitsveränderungen. 

Muss uns Leid immer etwas «bringen»?

Die Heldinnenreise – vom Schmerz zur Stärke – ist eine archaische Erzählstruktur. Sie steckt in Filmen, Büchern, Ratgebern und möchte jedes Unglück in einen Fortschritt übersetzen. Die Forschung zeigt, dass allein die Konfrontation mit Heldengeschichten die eigenen Wachstumsberichte bekräftigt. Dazu kommt die lindernde Funktion: Denn sich einzugestehen, dass eine schwere Erfahrung einen nicht stärker gemacht hat, heißt auszuhalten, dass das Leid möglicherweise nichts «gebracht» hat. Dass uns Unglück, Krankheit und Verlust ohnmächtig zurücklassen können. Das ist psychisch enorm fordernd. 

Wer sich authentisch als Heldin der eigenen Geschichte erlebt, stolz auf einen steinigen Weg zurückschaut, kann vielKraft daraus ziehen. Ein Problem entsteht jedoch, wenn die Erwartung eines Wachstums zur Norm wird. Wenn der leise Druck entsteht, aus jedem Leid eine Lehre ziehen zu müssen, aus jedem Schmerz ein wertvolles Update für die Psyche. 

Wer das nicht kann oder will, fühlt sich schnell, als hätte er oder sie versagt. Und so nachvollziehbar der Wunsch ist, dass wir alle sogar von unseren dunkelsten Stunden profitieren – es muss okay bleiben zu sagen: Das war schwer, und ich wünschte, es wäre mir erspart geblieben. Ich bin noch da. Aber ich bin dadurch keine bessere Version meiner selbst.

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