Schwindel kommt plötzlich, macht Angst und betrifft längst nicht nur Ältere. Die wichtigsten Infos zu Ursachen und Therapien.
Was passiert dabei im Körper?
Kurz gesagt: Bei Schwindel herrscht ein gewaltiges Kommunikationschaos im Kopf. Normalerweise liefern Innenohr, Auge und Muskeln unserem Gehirn ein klares Bild unserer Lage im Raum. «Diese Signale müssen exakt zusammenpassen», erklärt Dr. Uso Walter, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde aus Duisburg und zusammen mit Dr. Lucia Schmidt Autor des Ratgebers «Endlich schwindelfrei» (Ecowing). «Gerät dieses System aus dem Takt – etwa durch Störungen im Innenohr, Verspannungen, Sehprobleme oder Durchblutungsstörungen – widersprechen sich die Informationen. Das Gehirn verliert den Überblick.» Die Folge: Plötzlich schwankt und dreht sich alles.
Diese Ursachen können hinter Schwindel stecken
Wann muss ich mir Sorgen machen?
In den allermeisten Fällen ist Schwindel harmlos. Treten zusätzlich allerdings Lähmungen oder Sprachstörungen auf, sollte man sofort zu Ärztin oder Arzt.
Ist Schwindel gleich Schwindel?
Nein. Es gibt über 100 verschiedene Formen. Mal fühlt es sich an wie Karussellfahren, mal wie auf einem schwankenden Boot. Auch Dauer und Auslöser sind ganz unterschiedlich. «Jeder nimmt Schwindel anders stark wahr», erklärt Experte Dr. Uso Walter. Und die Beschwerden sind ziemlich verbreitet: Nach Schmerzen ist Schwindel einer der häufigsten Gründe für einen Arztbesuch.
Warum sind gerade Frauen so oft betroffen?
Ganz genau weiß man das nicht. Vermutlich spielen hormonelle Einflüsse eine Rolle – so kann es zum Beispiel in den Wechseljahren vermehrt zu Schwindelattacken kommen. Auch Migräne, die bei Frauen häufiger auftritt, kann Schwindel auslösen; und das selbst, ohne dass gleichzeitig Schmerzen auftreten. «Häufig wird Schwindel auch mit Kreislaufproblemen verwechselt», berichtet Walter. Der Experte empfiehlt zur ersten Orientierung einen einfachen Selbsttest: Tritt der Schwindel im Liegen auf, etwa wenn man den Kopf dreht, spricht das meist für eine Ursache im Innenohr – denn der Kreislauf ist im Liegen in der Regel stabil.
Gibt es typische Auslöser?
Grundsätzlich kommen zwei Hauptursachen infrage: Entweder liegt die Störung im Gleichgewichtsorgan – also im Innenohr – oder im Gehirn und seinen Nervenverbindungen. «Bei akuten Schwindelbeschwerden, die anfallsartig auftreten, oder bei dauerhaftem Schwindel, der sich überwiegend als Drehschwindel bemerkbar macht, liegen häufig Funktionsstörungen der Gleichgewichtsorgane im Innenohr vor», erklärt der HNO-Arzt. «Bei chronischen, eher unspezifischen Schwindelbeschwerden sind es hingegen neurologische Ursachen.»
Welche Formen sind am häufigsten?
Lagerungsschwindel und der sogenannte funktionelle Schwindel. Ersterer tritt typischerweise bei bestimmten Bewegungen auf, etwa beim Umdrehen im Bett oder beim Aufrichten. «Dabei verirren sich kleine Kristalle im Innenohr und lösen bei bestimmten Bewegungen kurze, aber heftige Drehattacken aus», sagt Walter. Beim funktionellen Schwindel können dagegen verschiedene Ursachen im Ohr oder Gehirn Auslöser sein. Wer aus Angst vor den Beschwerden eine Schonhaltung einnimmt, verfestigt den Schwindel nur. «Schwindel und Angst verstärken sich dabei gegenseitig», so Walter. «Die Beschwerden können dadurch länger anhalten oder chronisch werden.»
Was hilft bei einer Attacke?
Erst einmal ruhig bleiben und am besten hinsetzen oder hinlegen, um Stürze zu vermeiden. «In der akuten Phase ist Schonung völlig in Ordnung», empfiehlt Walter. «Bei plötzlichem starken Schwindel darf man sich zunächst ausruhen.» Bei wiederkehrenden oder dauerhaften Beschwerden gilt dagegen: aktiv bleiben, um nicht in die Spirale aus Angst, Schonung und stärkeren Beschwerden zu geraten. Und weil Bewegung dem Gehirn hilft, die Störung auszugleichen.
Medikamente, Therapie und Übungen: Das kann die Medizin bei Schwindel
Wann muss ich zur Ärztin?
Selbst wenn die Anfälle nur gelegentlich auftreten, sollte man sie ärztlich abklären lassen. Denn Schwindel kann viele verschiedene Ursachen haben – und viele davon lassen sich gut behandeln. Wird die richtige Diagnose früh gestellt, verschwinden die Beschwerden schneller.
Hausarzt oder Spezialistin?
Erster Anlaufpunkt ist die Hausärztin. Hilfreich ist, sich vorher Notizen zu machen: Wie fühlt sich der Schwindel an? Wann tritt er auf? Und wie lange hält er an? Das gibt einen ersten Hinweis auf die jeweilige Form. Zusätzlich helfen Untersuchungen, etwa der Augenbewegungen. Denn Gleichgewicht und Sehen sind eng miteinander verbunden. Oft lässt sich die Ursache so schon gut eingrenzen, und es kann entschieden werden, ob eine weitere Abklärung beispielsweise durch HNO-Facharzt oder Neurologin nötig ist.
Gibt’s dagegen eine Pille?
Ein Medikament gegen alle Schwindelformen gibt es nicht. Beschwerden lassen sich zwar medikamentös lindern – aber das kann leider zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder verringerter Leistungsfähigkeit führen.

Wie wird behandelt?
Das hängt von der Ursache ab. Die wichtigsten Therapie-Bausteine sind Gleichgewichtstraining, bei Bedarf eine kognitive Verhaltenstherapie und ergänzend Medikamente. «Beim Lagerungsschwindel helfen oft schon einfache Übungen, die morgens und abends ausgeführt werden und das Problem innerhalb mehrerer Tage beheben können», erklärt der Mediziner. Steckt eine Entzündung im Innenohr dahinter, kommen Medikamente zum Einsatz. Bei Durchblutungsstörungen im Gehirn wird ähnlich wie bei einem Schlaganfall behandelt. Und wenn keine klare körperliche Ursache gefunden wird – beim sogenannten funktionellen Schwindel –, setzt man vor allem auf Bewegungstherapie und psychologische Unterstützung.
Was kann mir zusätzlich helfen?
Was tun, wenn die Anfälle wiederkommen?
Zum Glück kann das Gehirn Schwindel verlernen. Durch gezielte Bewegung und entsprechendes Training passt es sich an die Störung an und lernt, die fehlerhaften Signale auszugleichen. Hierbei können digitale Trainingsprogramme unterstützen, etwa die Therapie-App «Vertidisan». Die Kosten übernimmt die Kasse auf Rezept. Eine kostenlose, rezeptfreie App mit Übungen gibt es von «Tebonin». Das gleichnamige Medikament enthält Ginkgo-Extrakt und soll helfen, wenn die Beschwerden durchblutungsbedingt sind.
Kann Schwindel auch als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten?
Ja, besonders häufig bei Blutdrucksenkern sowie Medikamenten, die zentral im Gehirn wirken, etwa Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Antidepressiva. «Betroffene sollten ein Medikament trotzdem nicht eigenständig absetzen, denn das kann gerade bei Herz- und Blutdruckmedikamenten gefährlich sein», warnt Walter. «Stattdessen sollte immer Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden. Oft lässt sich durch eine Anpassung der Dosis oder einen Wechsel des Präparats eine gute Lösung finden.»
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