Wenn unsere Töchter und Söhne uns immer weniger brauchen, ist das mit vielen Abscheiden verbunden, aber auch mit neuer Freiheit. Unsere Autorin erzählt, warum wir die feiern dürfen – und wie Loslassen leicht(er) wird.
Der Moment, in dem du feststellst, dass dein Kind größer ist als du, ist ein merkwürdiger Moment. Da steht das Kind vor dir. Dieses Kind, das eben gerade doch noch auf deiner Brust eingeschlafen ist. Und überragt dich plötzlich. Auf einmal musst du den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu gucken. Ich wusste, dass dieser Moment kommen würde, bei meinen 1,59 Metern eher früher als später. Trotzdem war ich darauf nicht vorbereitet.
Vor mir steht kein Kind mehr, mit seinen fast 16 Jahren und 1,83 Metern ist mein Sohn offiziell ein Teenager. Und dieser Teenager hat nun offensichtlich die Nase voll von meinem Gestarre. Er dreht sich um, geht in sein Zimmer und schmeißt die Tür hinter sich zu.
Wie oft stand ich in den letzten Wochen vor dieser verschlossenen Tür. Da hat man jahrelang alles für sie gemacht, also fast alles. Rotz und Erbrochenes weggewischt. Windeln gewechselt. Sie stundenlang umhergetragen, weil sie anders nicht zu beruhigen waren. Wutanfälle an der Supermarktkasse ertragen. Und dann schließen sie eines Nachmittags die Tür vor deiner Nase und schauen gar nicht mehr auf, wenn du ins Zimmer platzt, um sie zu fragen, ob nicht doch irgendetwas ist. «Was soll schon sein, Mama», sagt mein Sohn und tippt weiter auf seinem Handy herum, «alles okay bei dir?» Ich bleibe im Türrahmen stehen. Er zuckt die Schultern. Alles normal, oder?

© Nathalie Klüver
Ich könnte jetzt das machen, wovon ich in so vielen dieser Mama-Stress-Momente geträumt habe: Ich trinke einen Kaffee, ganz in Ruhe, noch warm (!), und ein freier Nachmittag liegt vor mir. Ich könnte arbeiten, joggen, lesen, mit einer Freundin ins Café gehen. Könnte ich. Stattdessen klopfe ich erneut an die Tür meines Teenagers und frage, ob er mit mir Schach spielen möchte. «Mama, gerade nicht», sagt er sehr höflich, aber bestimmt. Ist das nicht völlig paradox: Da wartet man jahrelang auf diesen Moment, in dem all die Freiheiten endlich wieder da sind, und wenn sie dann vor einem liegen, fragt man den Sohn, ob er Schach spielen möchte?
Plötzlich ploppen sie auf, die Momente der Melancholie
Auch wenn wir es eigentlich genießen, nicht mehr ständig in der versorgenden Mutterrolle gebraucht zu werden, ploppen sie plötzlich auf: die Momente der Melancholie. Die Angst vor dem Auszug der Kinder, vor der Leere, die dann entsteht, nicht nur im Kinderzimmer, sie lässt sich nicht immer verdrängen. Die Trauer über die vielen letzten Male, von denen wir die wenigsten bewusst erlebt haben. Oder kann sich noch irgendjemand an das letzte Mal erinnern, als das Kind sich morgens ins elterliche Bett kuschelte? Das ist das eigentlich Fiese an diesen vielen letzten Schritten, die im Laufe der Kindheit gegangen werden: Du weißt nicht, wann du sie gehst. Sie kommen leise um die Ecke, und in den meisten Fällen bemerken wir sie gar nicht. Kein Foto für die WhatsApp-Familiengruppe.
Wie kann man das aushalten? Diese vielen kleinen Abschiede? Diese Ablösung, die manchmal schon mit neun Jahren beginnt, sich spätestens aber mit zwölf, 13 Jahren noch einmal radikal beschleunigt? Wenn die Kinder groß werden, sind wir auf einmal nicht mehr «die Mama von». Wir sind wieder wir selbst – ganz ohne Zusatz. Zumindest in immer mehr Momenten. Das ist ungewohnt; und das Gefühl, scheinbar nicht mehr gebraucht zu werden, schmerzt. Denn es zwingt uns dazu, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, was wir eigentlich brauchen, wenn wir nicht mehr gebraucht werden. Wen halten wir fest, wenn uns niemand mehr festhält?
Wir werden noch gebraucht. Nur anders als früher
Wie wäre es damit: Wenn wir die Hände frei haben, dann können wir uns selbst wieder halten. Indem wir uns Gutes tun, endlich wieder in Ruhe ein Buch lesen etwa. Und noch eine gute Nachricht: Wir werden noch gebraucht. Nur eben anders als früher. Auf Augenhöhe und als Sparringspartner, mit dem man üben kann, wie man für seine eigene Meinung eintritt, aber auch als jemand, an dem man sich reiben kann. Denn Reibung an den Eltern gehört dazu, wenn man sich selbst und seinen Platz in der Welt finden möchte.
Dieses «anders» gebraucht werden ist manchmal gar nicht so einfach auszuhalten. Doch es öffnet uns neue Türen und setzt vieles auf Neustart. Es schafft neue Beziehungen, offenere, intensivere und auch gleichwertigere. Zu den Kindern, zum Partner, zur eigenen Arbeit, zu Freundinnen und Freunden – und zu uns selbst. Wenn unser Kind groß wird, gewinnen wir lang vermisste Freiheiten zurück. Wir gewinnen Zeit zurück, wir gewinnen Klogänge ohne Begleitung zurück, wir gewinnen ungestörte Paarzeit zurück, wir gewinnen Raum für den Job zurück, wir gewinnen ein Stück weit auch uns selbst zurück.

© PR
Das Tolle daran: Wir bekommen nicht nur Dinge zurück, sondern auch noch welche obendrauf. Ein Kind, mit dem man essen gehen und sich übers Leben unterhalten kann. Ein Kind, das einem schnell mal Windows neu aufsetzt. Ein Kind, das einem beim Einkaufen die schwere Tüte abnimmt. Ein Kind, das theoretisch allein ohne uns klarkommen würde. Ist das nicht eine unglaubliche Last, die uns genommen wird? Die gewaltige Verantwortung, die Eltern all die Jahre mit sich herumschleppen, wird ein bisschen kleiner, das Gepäck wird ein wenig leichter. Und je früher wir anfangen, uns um uns selbst zu kümmern und unseren Kindern das Loslassen nicht zu schwer machen – desto weniger tief fallen wir ins Empty Nest.
Unsere Kinder brechen auf, aber sie brauchen uns weiterhin, nur eben anders. Als geschützten Raum, der auf sie wartet, im Hintergrund da ist und für Stabilität sorgt. Wir machen unseren Kindern ein Geschenk, wenn wir ihnen zeigen, dass wir da sind, aber sie ermuntern, auf Entdeckungsreise zu gehen. Nur wer aufbricht, kann auch wieder zurückkommen. Mein ältester Sohn ist übrigens zurückgekommen: Er leistet mir gerne mal Gesellschaft bei meinem Nachmittagskaffee und dann sitzen wir beide da und genießen eine Tasse ohne Verpflichtung, freuen uns einfach zusammen über die Pause. Und über den warmen Kaffee.
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