Wer bist du in deinem Lebensplot?: Warum du stets nur die Rolle spielen kannst, die du dir selber gibst

Ob wir wollen oder nicht: Wir erzählen uns permanent Geschichten über uns selbst. Wieso wir das tun, wie wir uns darüber bewusst werden und wie wir zu einem Narrativ finden, mit dem wir gesund und glücklich leben können.

Warum antwortet sie nicht, habe ich etwas falsch gemacht? 

War ja von vornherein klar, dass das nichts wird.

Niemand versteht mich.

In unseren Gedanken hantieren wir selten (nur) mit Fakten. Wir erzählen uns in unseren lautlosen Selbstgesprächen nicht, was wir wahrnehmen oder was passiert, sondern was die Welt für uns bedeutet – eine von unserem Erleben inspirierte Geschichte. Dabei zoomen wir heran, konzentrieren uns auf bestimmte Aspekte und blenden andere aus. Wir interpretieren, urteilen und werten, konstruieren Zusammenhänge und übersehen andere. 

Hat Aristoteles den Menschen vor gut 2000 Jahren noch als vernünftiges Wesen, als animal rationale, definiert, betrachtet uns die moderne Psychologie mehr und mehr als geschichtenerzählendes Geschöpf, als homo narrans. Was wir uns dabei erzählen, legen Studien nahe, wirkt sich sowohl auf unsere seelische Verfassung als auch unseren Lebensverlauf aus. Besonders wichtig: welche Rolle wir uns selbst zuschreiben.

Heldin, Opfer, Bösewicht: Wer bist du in deiner Geschichte?

Ein Team US-amerikanischer Psycholog:innen um Kate McLean hat aus einer Untersuchung mit gut 850 Testpersonen geschlossen, dass eine wesentliche Komponente unseres Storytellings unsere selbst erstellte Autobiografie ist. Mehr oder weniger bewusst erzählen wir uns, warum wir heute sind, wie, wo und wer wir sind. Wir sehen Höhepunkte, Schlüsselmomente und dramatische Wendungen, wenn wir auf unser Leben zurückblicken. 

Und ordnen uns selbst darin einen bestimmten Part zu: Die tapfere Heldin, die zu ihren Werten steht. Die Verliererin, die alle enttäuscht. Die Ohnmächtige, die Dinge geschehen lässt, ohne Initiative zu zeigen. Wie wir uns charakterisieren, prägt in hohem Maße unser Selbstverhältnis. Es entscheidet darüber, ob wir uns mögen und sympathisch finden, uns mit uns identifizieren und gerne wir sind – oder ob wir von uns genervt sind und lieber jemand anders wären.

Welche Rolle wir uns in unserer bisherigen Geschichte zuschreiben, beeinflusst ebenso unser Verhalten und unsere Gegenwart und Zukunft. Wenn wir uns immer als Opfer und Spielball darstellen, dem Dinge passieren, die wir nicht unter Kontrolle haben, erwarten wir von uns keine Entwicklung. Wir glauben nicht, dass wir die Rolle wechseln und plötzlich selbstbestimmt und mutig sein können –  versuchen es also gar nicht erst. 

Deshalb ist es wichtig, uns darüber klar zu werden, was wir uns über uns selbst erzählen, und gegebenenfalls zu prüfen, ob sich gewisse Ereignisse nicht auch anders betrachten und wiedergeben ließen. Lassen wir in unserer Version der Geschichte womöglich etwas weg, das uns in ein anderes Licht stellen würde? Urteilen wir zu harsch über ein völlig menschliches, verständliches Verhalten? Die Autobiografie in unserer Psyche zu überarbeiten, kann uns freier und zuversichtlicher in die Zukunft blicken lassen, sofern wir uns darin bislang eine Rolle zugeschrieben haben, die uns einengt und aufhält.

Wie können wir die Kontrolle über unser Drehbuch bekommen?

Da unsere Geschichte eher unbemerkt und unbewusst in unseren Gedanken entsteht, ist es nicht einfach, sie zu ändern und zu beeinflussen. Systematische Denkmuster wie der Bestätigungsfehler erschweren uns, neue Eindrücke zu nutzen, um unsere Sichtweise zu widerlegen oder zu hinterfragen: Wir interpretieren sie eher so, dass wir uns in unserer Position bestärkt sehen. 

Ein erster Schritt, um Handhabe über unsere Geschichte zu gewinnen, ist zufolge der Coachin und Autorin Anna Katharina Schaffner, zu lernen, den eigenen Gedanken überhaupt zuzuhören – und das Narrativ darin zu erkennen. Darauf aufbauend können wir uns gezielt Fragen stellen, die uns eine alternative Betrachtungsweise aufzeigen könnten:

  • Worauf richte ich meinen Fokus, womöglich routiniert, und welchen Aspekten schenke ich keine Aufmerksamkeit?
  • Wie könnte ich mir die Geschichte so erzählen, dass ich mir darin sympathisch bin? Dass ich mich verstehe und daran glaube, dass ich lernen und mich entwickeln kann?
  • Wie könnte ich die Ereignisse wohlwollender, gerechter oder ganzheitlicher interpretieren?

Was wir auslassen und hervorheben, wie wir deuten und bewerten, bedingt, wie wir zu uns, unserem Leben und anderen Menschen stehen. Es beeinflusst unsere Stimmung und unser soziales Verhalten, unsere Motivation und unsere Beziehungen. Insofern lohnt es, uns darum zu bemühen, in unserer Geschichte nicht nur eine Rolle zu spielen, sondern sie auch bewusst selbst zu schreiben.

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