Gutes Zeitmanagement gilt als Schlüssel zu einem stressfreien Leben. Ist es aber nicht, sagt der Psychiater Mitchell Leister, im Gegenteil: Es erzeugt überhaupt erst Hektik und Druck. Wie wir laut dem Wissenschaftler am besten mit unserer Zeit umgehen.
In meinem Alltag habe ich die Uhrzeit permanent im Blick: Von dem Moment, in dem mein Wecker klingelt, bis ich abends schlafen gehe, weiß ich, wie spät es ist. Dadurch ist mir stets bewusst, wie lange ich mich noch mit einer Sache beschäftige, ehe ich zum nächsten Tagespunkt übergehe.
Ich bin so daran gewöhnt, nach der Uhr zu leben, dass ich mir manchmal auch am Wochenende morgens einen groben Tagesplan erstelle: laufen bis 11 Uhr, einkaufen bis 12 Uhr, lesen bis 15 Uhr.
Anscheinend geht es mir wie vielen Menschen in unserer Gesellschaft: Laut einer Untersuchung der Universität Bonn schauen Deutsche im Schnitt 53 Mal am Tag auf ihr Handy – etwa alle 18 Minuten ihrer wachen Zeit. Zwar gilt nicht jeder Blick bewusst der Uhr, doch als Handynutzende wissen wir: Das passiert ganz nebenbei.
Psychiater warnt: 5 Folgen, die Zeitmanagement für unsere Psyche bedeutet
Der US-amerikanische Psychiater Mitchell Leister hält diesen Trend für problematisch. In einem Artikel für «Psychology Today» schreibt er über die Folgen, die ein Leben nach der Uhr für unsere Psyche und Beziehungen hat.
1. Wir entwickeln eine «temporale Angst»
Richten wir uns permanent nach der Uhr, fördere das «temporal anxiety», ein beständiges Unbehagen über das Vergehen der Zeit. Anhaltender Stress und ein Gefühl von Getriebenheit sind laut dem Wissenschaftler nicht die Folge eines schlechten Zeitmanagements oder eines zu vollen Terminplans – sondern die Konsequenz daraus, dass wir überhaupt versuchen, das, was wir tun, vorwiegend mit Blick auf die Uhr zu organisieren.
2. Wir erleben die Gegenwart nur eingeschränkt
Anstatt in einer Erfahrung präsent zu sein und uns vollständig auf unsere Gegenwart einzulassen, legen wir in einem zeitlich durchorganisierten Alltag Teile unserer Aufmerksamkeit in Zukunft und Vergangenheit. Wir achten darauf, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis wir uns etwas anderem zuwenden, und wie lange wir schon mit einer Sache beschäftigt waren. Dadurch fühlen wir uns weniger erfüllt, so der Psychiater, sehen das Leben eher an uns vorbeiziehen als uns mittendrin.
3. Wir schaffen eine Illusion von Kontrolle
Wenn wir unsere Erfahrungen in Stunden organisieren, tun wir so, als könnten wir kontrollieren, was in unserem Leben wann passiert, wie lange es dauert und welchen Stellenwert es für uns hat. Das ist aber eine Illusion, schreibt Leister. Und die schürt eher Ängste und Selbstzweifel, als dass sie langfristig Sicherheit schenkt: Pläne gehen schließlich oft nicht auf. Weil etwas Spontanes dazwischenkommt oder weil wir nicht immer gleich zeiteffizient denken und handeln. Indem wir unsere Lebenszeit nach der Uhr ausrichten, erschweren wir uns, zu akzeptieren, was uns ungeplant passiert – obwohl gerade das Unvorhersehbare ein zentraler Wesenszug des Lebens ist.
4. Wir hemmen unsere Kreativität
Gute Ideen kommen uns oft, wenn wir nicht angestrengt danach suchen: unter der Dusche, beim Sport, im Schlaf. Unser Gehirn findet dann in einen sogenannten Standby-Modus, wie der Neurobiologe Martin Korte erklärt: Der Stirnlappen verringert seine Aktivität, nimmt weniger Energie in Anspruch und überlässt anderen Hirnregionen das Steuer. Typischerweise haben wir genau in diesen Situationen die Zeit nicht bewusst im Blick, bemerkt wiederum Mitchell Leister – was einleuchtet, da sich für die Uhr insbesondere unser ordnungsliebender Stirnlappen interessiert. Takten wir unseren Alltag lückenlos durch, nehmen wir uns somit den Raum für Kreativität und erschweren uns, in einen Flow-Zustand zu gelangen, in dem wir darin aufgehen, was wir gerade tun.
5. Wir blockieren echte Verbindungen zu unseren Mitmenschen
Zeitmanagement fördert tendenziell Effizienzdenken, schreibt Mitchell Leister, es verleitet uns dazu, die Frage zu stellen: Wie viel bekomme ich im Verhältnis zu der Zeit, die ich investiere? Wenden wir diesen «Return of Invest»-Ansatz auf unsere Beziehungen an, ersticken wir Empathie, Mitgefühl und unsere emotionale Verfügbarkeit, so der Psychiater. Wir erschweren uns, aufmerksam zuzuhören und die Sichtweise unseres Gegenübers zu teilen und nachzuvollziehen.
Wie wir Zeitwohlstand kultivieren und was wir davon haben
Gelingt es uns, uns weniger an der Uhr und mehr an unserem eigenen, biologischen Zeitempfinden zu orientieren, erreichen wir laut Mitchell Leister einen Zustand, den englischsprachige Forschende «Time affluence» nennen. «Zeitwohlstand» können wir auf Deutsch dazu sagen. Der Begriff bezeichnet das grundlegende Lebensgefühl, genügend Zeit für die Dinge zu haben, die uns etwas bedeuten, die wir tun möchten, die uns glücklich machen.
Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2008 wirkt sich Zeitwohlstand stärker positiv auf unsere Psyche und unser Wohlbefinden aus als materieller Wohlstand: Er macht uns zum Beispiel stressresistenter, freundlicher, flexibler.
Wie aber erreichen wir Zeitwohlstand in unserer durchterminierten Welt? Wie können wir auf unsere innere Uhr eingehen, wenn wir jeden Tag an Meetings teilnehmen, Verabredungen einhalten oder an Arztbesuche denken müssen? Laut der Psychologin und Yale-Professorin Laurie Santos können schon kurze Auszeiten und bewusst freigehaltene Lücken in unserem Kalender einen großen Effekt haben. Ein Blocker für 90 Minuten, für die wir uns im Vorfeld nichts überlegen, sondern einfach freihalten, kann ihr zufolge das Gefühl in uns erzeugen: Wow, ich kann jetzt alles machen, was ich möchte.
Mitchell Leister zufolge kann zudem Meditation dabei helfen, Gegenwartserleben zu trainieren und uns darin zu üben, präsenter in einem Moment oder einer Tätigkeit zu sein. Das Handy in einen anderen Raum legen, keine Uhr im Blickfeld haben und, wann immer es möglich ist, was wir tun, ohne zeitliche Begrenzung anfangen, sind weitere Maßnahmen, die wir auch in unserem durchgetakteten Alltag ausprobieren können.
Ich weiß vor allem aus längeren Urlauben und kürzeren Auszeiten, wie sich Zeitwohlstand anfühlt: In solchen Wochen vereinbare ich in der Regel nicht einmal Reservierungen in Restaurants. Keine Termine zu haben, auf nichts festgelegt zu sein und mich treiben zu lassen, ist für mich der ideale Plan. Es ist okay, dass ich nicht immer danach leben kann, mich im Alltag an Verabredungen und Uhrzeiten halten muss. Aber diese Angewohnheit, meine Wochenenden durchzutimen – von der werde ich mich nun wohl verabschieden.
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