Sandra Tschöpe hat das MyMenoMind-Programm für mentale Gesundheit in den Wechseljahren entwickelt und verrät im Interview mit BRIGITTE, was die Psyche in der Perimenopause braucht.
BRIGITTE: Haben die Wechseljahre eigentlich in Ihrem Studium oder in Ihrer Therapieausbildung eine Rolle gespielt?
Sandra Tschöpe: Nein, inzwischen habe ich allerdings selbst eine entsprechende Fortbildung für Therapeutinnen konzipiert. Mein Einstieg waren meine eigenen Erfahrungen: Ich war mit Mitte 40 wahnsinnig energielos, habe sehr schlecht geschlafen, was sich auch auf meine Stimmung ausgewirkt hat, und konnte überhaupt nicht zuordnen, was mit mir los war. Ich dachte, es läge an der Schilddrüse, und bin irgendwann über das Wort Perimenopause gestolpert. Ich war richtig empört und erschrocken, dass ich davon noch nie gehört hatte. Ab da hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.
Wie genau wirkt sich die Hormonumstellung denn auf die Psyche aus?
Grundsätzlich ist es so, dass nicht alle psychische Veränderungen bemerken. Aber ein großer Teil von Frauen in den Wechseljahren ist auf der Suche nach Antworten für Stimmungsschwankungen, gedrückte Stimmung bis hin zur Depression, Schlafstörungen, Energielosigkeit oder eine Zunahme an Ängstlichkeit. Langsam entsteht ein Bewusstsein dafür, dass der hormonelle Umschwung nicht nur den Bereich des Körpers betrifft, der von einem Bikini bedeckt wird, daher kommt der Begriff «Bikini Medizin», sondern eben auch das Gehirn. Es gibt ein großes Wechselspiel zwischen Hormonen und Neurotransmittern.

Wer ist besonders anfällig für psychische Auswirkungen oder merkt man das erst, wenn man drin ist?
Es gibt immer noch nicht viele Studien, aber die, die es gibt, deuten darauf hin, dass Frauen ein höheres Risiko haben, die bereits vorher in ihrem Leben eine Phase mit Depressionen oder Ängsten hatten. Man geht davon aus, dass es Frauen gibt, die sensitiver auf hormonelle Schwankungen reagieren. Insofern lohnt es sich, sich zu überlegen: Wie war es in der eigenen Pubertät, im Zyklus oder auch in einer Schwangerschaft bzw. nach einer Geburt?
Eine Bekannte, knapp 50, sagte neulich, sie habe das Gefühl, gar nicht mehr sie selbst zu sein.
Dieses Gefühl, sich selbst nicht mehr zu kennen, ist nicht selten. Es ist einfach eine komplexe, umfassende Wandelphase: Nicht nur der Körper verändert sich, sondern es verändern sich auch persönliche Bedürfnisse. Man hat vielleicht weniger Freude an bestimmten Dingen, viele berichten davon, reizoffener zu sein. Das Schöne an einer Psychotherapie ist, dass sie nicht nur auf die Hormonlage schaut – die kann ich als Therapeutin ja nicht verändern –, sondern auf das große Ganze: Wie stelle ich mich so auf, dass es mir jetzt und in Zukunft gut geht? Das bedeutet auch Akzeptanz dafür, dass es im Leben Phasen gibt, in denen es mir mal nicht so gut geht.
Sie als Therapeutin können keine Hormone verschreiben, aber eine Ärztin schon. Sind Hormonpräparate die Lösung gegen psychische Wechseljahrs-Beschwerden?
Das ist individuell und in der Therapie wird das Thema Medikation natürlich mitgedacht, das gilt für Antidepressiva wie für die Hormontherapie. Manche sagen tatsächlich «Ich bin wieder ich», wenn sie Hormone nehmen. Aber meine Erfahrung ist, dass wir alle Komponenten mitdenken müssen; die biologischen, sozialen und psychologischen fließen ineinander.
Wenn eine Frau mit Mitte 40 jetzt eine Depression entwickelt oder ins Burnout rutscht: Wie lässt sich herausfinden, ob die Wechseljahre oder etwas anderes dahinterstecken?
Mit einer gründlichen Anamnese, für die biografische Vorgeschichte, diagnostische Instrumente und Fragebögen zusammen betrachtet werden, lässt sich das recht verlässlich einordnen.
Und wie stärken Sie die Frauen, denen der Hormonwechsel auf die Psyche schlägt?
Es geht vor allem um psychische Gesundheitskompetenz. Darin sind viele Frauen meiner Generation, die von Kriegs- und Nachkriegseltern großgezogen wurden, nicht so gut. Oft fehlen die Basics der Selbstfürsorge. Damit meine ich nicht die Gesichtsmaske oder den Wellness-Urlaub, sondern die Frage: Wie gestalte ich meinen Alltag langfristig so, dass es mir gut gehen kann? Die Punkte, an denen man diesbezüglich ansetzen kann, sind natürlich sehr individuell.
Können Sie ein Beispiel geben, mit welcher Hausaufgabe Sie eine Frau nach Hause schicken?
Alle bekommen von mir erstmal einen Fragebogen, um eine Woche lang die Basics im Alltag zu beobachten: also Schlaf, Mahlzeiten, Bewegung, Pausen etc.
Warum das?
Bei vielen, die erschöpft und energielos sind und den Wunsch haben, besser und mehr zu schlafen, stellt sich heraus, dass sie schlicht viel zu spät ins Bett gehen. Sie schieben die Schlafenszeit immer weiter nach hinten, vielleicht weil sie das Gefühl haben, jetzt endlich mal Zeit für sich zu haben, weil sie noch die Wäsche machen oder eine Serie weitergucken wollen. Auch das Handy ist in Sachen Schlaf ein Riesenthema. Viele nehmen es mit ins Schlafzimmer, obwohl sie es dem Teenie-Kind verbieten. Und bei der Ernährung achten Frauen oft nicht darauf, eine Mittagspause zu machen und etwas zu essen.
Dann geht es vor allem darum, sich diese kleinen Stellschrauben – ein Notfallsnack für zwischendurch, im Schlafzimmer einen analogen Wecker statt des Handys zu nutzen und früher ins Bett zu gehen – bewusst zu machen.
Ja, es sind kleine Basics der Alltagsgestaltung. Wir sind oft gut darin, für andere zu sorgen, für Partner oder Kinder, aber sorgen wir auch genauso für uns? Die Mutter packt morgens die Brotdose für andere, aber nicht für sich selbst. Bei manchen Frauen gibt es aber natürlich auch größere Themen. Sie merken, dass sie nicht mehr gut in der Beziehung aufgehoben sind und dass es selbstfürsorglicher wäre, sich zu trennen.
Vielen Frauen fällt Selbstfürsorge schwer, weil sie nicht für egoistisch gehalten werden wollen?
Das ist immer ihre größte Angst. Und vieles von dem, was wir für andere tun, erklärt sich so: Es hat kurzfristig Positives, weil ich bestimmte Gefühle wie zum Beispiel Schuldgefühle dann eben nicht habe, aber langfristig ist das negativ für mich. Und natürlich ist es so: Wenn jemand anfängt, Schritt für Schritt im Alltag selbstfürsorglicher zu handeln, dann hat das Auswirkungen auf Beziehungen, weil es bedeutet, sich auch mal abzugrenzen. Ich sage den Frauen immer: Sie dürfen nicht erwarten, dass sie dafür Applaus bekommen.
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